Nicht immer nur Rendite im Blick

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Um den Blick auf die Fassade zu garantieren, müssen an der Darmstädter Straße bäume fallen

Groß-Zimmern - Auf der einen Seite neue Nutzung einer Gewerbebrache, auf der anderen Seite Erinnerung an ein Industriedenkmal – in diesem Spannungsverhältnis bewegten sich lange die Planungen für ein Wohnbaugebiet auf dem Gelände der Alten Ziegelei nordwestlich von Groß-Zimmern.

Der Kompromiss, wenigstens die Fassade mit den beiden Ziegelsteinreliefs des Darmstädter Künstlers Well Habicht wieder aufzubauen und in einen Neubau zu integrieren, muss erst noch umgesetzt werden. .

Mit dem Groß-Zimmerner Unternehmer Georg Pullmann hat sich ein Investor gefunden, der die Auflagen des Denkmalschutzes trotz erheblicher Mehrkosten umsetzen will.

Das überrascht ein wenig bei einem Bauherren, bei dessen bisherigen Projekten eher die Rendite im Vordergrund stand. Dass Pullmann aber auch ein Herz für Ortsgeschichte und Denkmalpflege hat, hat er kürzlich in einem Gespräch mit Heimatforscher Manfred Göbel am Rande einer Ausstellung zur Alten Ziegelei deutlich gemacht. Göbel hatte zuvor die bisher uneingelösten Auflagen des Denkmalschutzes thematisiert und dabei nicht nur an die Reliefs, sondern auch an die beiden Klinkerplastiken Habichts erinnert.

Herz für Fisch und Katz

Die auf einem Sockel liegende Katze und der von einem Fisch gekrönte Springbrunnen sind bereits vor Jahren vor vollständigem Verfall durch Einlagerung in den kommunalen Bauhof gesichert worden, fristen dort allerdings eine Schattenexistenz in schlechtem Zustand.

Zum weiteren Schicksal der Skulpturen gab es bisher keine eindeutigen Regelungen, von den Bekenntnissen der Baulandentwickler Kevin Aumann und Harald Früchtenicht abgesehen, den Kunstwerken wegen ihres Identifikations-Bezugs eine Rückkehr zu dem Quartier ermöglichen zu wollen. Nun hat Pullmann sein Herz für Fisch und Katz entdeckt und möchte die Skulpturen etwa in der Position vor der wieder aufzubauenden Fassade platzieren, wo sie früher schon einmal gestanden haben.

Die Klinker-Katze mit kaputter Nase pflegte einst Bauhofchef Georg-Heinz Dietrich.

Zwischen Denkmalschutz und Baulandentwicklern hat es ein jahrelanges Ringen gegeben, in dem es zunächst um den Erhalt der beiden Schornsteine ging, die eine weithin sichtbare Landmarke bildeten. Während die Untere Denkmalschutzbehörde beim Landkreis Darmstadt-Dieburg lange um diesen Erhalt kämpfte, ließen Aumann und Früchtenicht die Frage auch an übergeordneter Stelle prüfen, mit dem Ergebnis, dass ein Erhalt der einsturzgefährdeten Schlote „aus wirtschaftlichen Gründen“ als nicht zumutbar eingestuft wurde. Teil des damals ausgehandelten Kompromisses war der Erhalt der Fassade des Verwaltungsgebäudes mit den beiden Reliefs, eventuell als Teil eines Seniorenpflegeheims auf dem Gelände. Doch auch dabei ist es nicht geblieben: Wegen Baufälligkeit und der Notwendigkeit, das Gelände insgesamt aufzufüllen, wurde das Monument von einer Fachfirma Stein für Stein abgetragen, nummeriert und eingelagert.

Eine Bäume müssten fallen

Das schrittweise Verschwinden fast jeglicher Erinnerung an die Alte Ziegelei hat bei etlichen Beobachtern Befürchtungen genährt, dass die Belange des Denkmalschutzes am Ende ganz untergehen werden. Freudig überrascht haben daher Menschen wie Göbel auf die Nachricht vom Engagement Pullmanns reagiert.

Der will am vorgesehenen Standort, im Nordosten des Geländes unweit der Landesstraße, ein Mehrfamilienhaus errichten lassen, in das die Fassade integriert wird, wobei die vom Denkmalschutz gewünschte Sichtbarkeit von der Straße aus garantiert wäre. Allerdings müssten dafür, so gibt Pullmann zu bedenken, einige Bäume fallen, eine Straßenlaterne versetzt und die Erschließung auf dem Ziegeleigelände geregelt werden. Kreis-Denkmalschützerin Liana Mannhardt bestätigte dem LA erste Abstimmungsgespräche mit Pullmann und sieht die Sache durchaus optimistisch. Sie setzt auf die Fachfirma, die für Abtrag und Einlagerung der Fassade zuständig war, und wünscht sich, dass dieses Unternehmen auch den Wiederaufbau übernimmt.

Pullmann, der beim Kaufpreis für das Grundstück Sonderkonditionen geltend machen konnte, schätzt die Mehrkosten für Belange des Denkmalschutzes auf rund 50.000 Euro.

Zudem könnten die verbliebenen Klinkersteine nicht ausreichen und Ersatz benötigt werden. Auch Katz und Fisch müssten vor ihrer Rückführung ins „Sanatorium“ der Restauratoren. Gleichwohl geht der Investor – ebenfalls voller Optimismus – von einem Baubeginn noch in diesem Jahr aus.

sr

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