Ohne Zweimarkstück wurd´s duster

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Leckere Gickel und Wissenswertes aus Zimmerns Geschichte wurden den Gästen im Glöckelchenkeller serviert.

Groß-Zimmern - Liebe geht durch den Magen. Die Liebe zur Heimat mitten durchs Herz. Herzlich lachen mussten die rund 70 Gäste des diesjährigen „Gickelessens“ im Gewölbekeller. Von Ursula Friedrich

Denn nach einem kulinarischen Auftakt mit deftig gefülltem Braten, entführte Manfred Göbel, Vorsitzender des gastgebenden Glöckelchenvereins, sein Publikum zurück in jene Zeit, da Zimmern noch nicht „erleuchtet“ war.

Historische Fakten und viele Anekdoten würzten den Beitrag des passionierten Lokalhistorikers, der die Elektrifizierung der Gemeinde 1904 in den 14. Groß-Zimmerner Archivalien Revue passieren ließ. Am 12. Juli 1904 ging die Gemeinde ans Netz, als die Firma Rössler & Baumbach ihr Elektrizitätswerk am Heckengarten (heute Lebrechtstraße) in Betrieb nahm.

Was sich so selbstverständlich liest, war doch ein gewaltiger Umbruch, eine technische Revolution, die im beschaulichen Ort auch Skepsis hervorrief. So beschwerte sich ein braver Bürger, die hell erleuchtete Straßenlaterne solle vor seinem Grund verschwinden, das schmerzhaft grelle Licht vertrügen seine Augen nicht.

Doch der technische Fortschritt war nicht mehr zu bremsen. Vertraglich war zwischen dem Stromanbieter und der Gemeinde geregelt, dass „sogar Klein-Zimmern“ beliefert werden könne, sofern die Menge an erzeugtem Strom durch die mit Koks betriebenen Gasmotoren groß genug sei.

Bei seinen Recherchen im Gemeindearchiv konnte Manfred Göbel die „Stromerei“ Klein-Zimmerns nicht näher beleuchten, machte jedoch angesichts eines Artikels aus „Der Datterich“ am 30. September 1932 die Situation Groß-Zimmerns sehr anschaulich.

Das Elektrizitätswerk wurde inzwischen von der HEAG für 40 000 Mark aufgekauft. „Mit der HEAG hatte die Gemeinde eine kuriose Kontroverse, als sie die Kosten der Straßenbeleuchtung nicht bezahlen konnte und die HEAG deshalb einer Zählerautomaten am Rathaus anbrachte, sodass die Straßenbeleuchtung erst anging, wenn zwei Mark eingeworfen wurden“, berichtete Manfred Göbel.

„Und nun stelle man sich die Groteske vor: Jeden Abend wenn´s dunkel wird, verfügt sich der biedere Bürgermeister höchstselbst oder ein verantwortlicher Stellvertreter an den Strom spendenden Automaten und zwängt ein Zweimarkstück in den Schlitz hinein, worauf sich die Gassen erhellen“, berichtet der „Datterich“ in der damaligen Ausgabe. „Alle anderthalb oder zwei Stunden muss dann der geplagte Bürgermeister den Dämmerschoppen unterbrechen bzw. sich vom Familienschoß losreißen und dem Automaten abermals was zu schlucken geben. Wird der richtige Zeitpunkt verpasst oder hat der Bürgermeister mal keine entsprechende Münze im Hosensäckel, so wird’s zu Groß-Zimmern im Handumdrehen zappen-duster.“

Recht duster war es um 1907 noch im überwiegenden Teil der Haushalte. Strom war ein Luxus – lediglich fünf Privathaushalte waren von Glühbirnen erhellt. Insgesamt 87 Häuser „abonnierten“ Strom, die Gemeinde war rund 3 700 Einwohner stark. Meist begnügte man sich mit einer Glühlampe pro Haus. Die Anlagekosten für den einsamen Leuchtkörper betrugen deftige zehn bis fünfzehn Mark. Immerhin konnte die Birne ausgesteckt und dafür ein Bügeleisen betrieben werden – die Entscheidung: bügeln oder Licht oblag der Hausfrau. Details zur „Stromerei“ Groß-Zimmerns, wie es Manfred Göbel schmunzelnd formulierte, sind in der kleinen Publikation, den 14. Zimmerner Archivalien nachzulesen, die vom Glöckelchenverein herausgegeben wurden.

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