Ortshistorischer Rundgang auf den Spuren des Bildungswesens

Vom „Schuleck“ bis zur Albert

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Erinnerungen an das Schulhaus im „Wanzeeck“ rief Manfred Göbel mit der großformatigen Reproduktion eines Fotos eines nicht mehr vorhandenen Gebäudes wach.

Groß-Zimmern - Es ist nur eine kleine Gruppe, die sich an diesem warmen Sonntag mit Manfred Göbel auf eine Tour durch die Geschichte des Groß-Zimmerner Schulwesens machen will. Von Klaus Holdefehr 

Die meisten der rund 25 Teilnehmer sind in einem Alter, in dem Erinnerungen an die eigene Schulzeit schon eine Weile zurückreichen. Um so mehr historisch Wertvolles kommt da im Verlauf des gut einstündigen Rundgangs zu Tage.

Start ist vor der evangelischen Kirche, wo sich das Plätschern des Brunnens in die Begrüßungsworte Göbels mischt. Der ist nicht nur versierter Heimathistoriker, sondern als Leiter der Edith-Stein-Schule in Darmstadt selbst Pädagoge und hat damit gleich einen doppelten Bezug zum Thema. Mit von der Partie ist auch Kollege Hans Wichmann, der viele, viele Jahre die Albert-Schweitzer-Schule im Ort geleitet hat, und weitere Pädagogen, wie sich im Verlauf der kurzen Bildungstour herausstellt. Schüler waren zudem alle irgendwann einmal, die allermeisten in Zimmern, und so hat ein Jeder persönlichen Bezug zum Thema.

Bildung ist Kirchensache

Die Wahl des Startpunktes hat nicht nur mit dessen zentraler Lage und dem schönen Brunnenplatz vorm Treppchen zum Gotteshaus zu tun, sondern auch damit, dass Bildung zunächst einmal Kirchensache war und das ehemalige Pfarr- und Rathaus im Hintergrund auch mal eine Schule beherbergte.

Der Fürst - im speziellen Fall hieß er Löwenstein und residierte im nahen Habitzheim - verfügte die Einrichtung, der Klöckner und Küster war zugleich der Lehrer, und Programm war nicht ein humanistisches Bildungsideal, sondern ausreichende Kenntnis im Lesen, um einen Katechismus zu verstehen, und Üben für schönes Singen im Gottesdienst.

Die Sommerferien waren länger, der Unterricht kürzer, und manchen der Teilnehmer überkommt beim Nachrechnen ein wenig Neid, der von der Erkenntnis konterkariert wird, dass „Freizeit“ gleichbedeutend war mit Schwerarbeit auf dem Acker.

Die nächsten Stationen: zunächst Opelgasse, auch „Schuleck“ genannt. Opel war einer der Lehrer dort, die einst alle auch eine Wohnung im jeweiligen Schulhaus hatten und im privilegierten Fall auch ein Kontingent an Hühnern fürs Frühstücksei. Es entsteht eine kurze Diskussion, ob dieser Opel verwandt war mit denen aus Rüsselsheim. Göbel meint nein, familienhistorisch beschlagene Teilnehmer meinen ja.

"Wanzeeck" in der Schulgasse

Schulgasse 5 - dass kennen die Zimmerner als „Wanzeeck“, und Göbel versichert auf Nachfrage, dass es dort wirklich mal so schlimm ausgesehen habe. Was er als vergrößertes Schwarz-Weiß-Foto eines nicht mehr vorhandenen Gebäudes herumzeigt, scheint diesen Titel zu bestätigen. Da, am Ende der heutigen Schützenstraße, stand das erste katholische Schulhaus. „Und die Juden?“ fragt ein Teilnehmer später en passant des Synagogen-Denkmals in der Kreuzstraße. „Wurden in der Synagoge unterrichtet“, antwortet Göbel.

Von da fällt der Blick aufs Glöckelchen, das in der Schulgeschichte Groß-Zimmerns ja eine so bedeutende Rolle spielt - bis 1861 als evangelische Schule in einem gemeindeeigenen Wohnhaus, ab 1861 als Neubau mit ungefähr der heute erhaltenen Gestalt.

Schon davor - ab 1840 - setzt die Entwicklung der heutigen Friedensschule ein, mit dem Bau an der Wilhelm-Leuschner-Straße und damit am Rand des alten Ortskerns, auf den Göbel seine Runde beschränkt. Man versteht nun plötzlich die ausladende Zweiflügeligkeit des Bauwerks, bis man hört, dass die eine Seite katholisch, die andere evangelisch war.

Es entbrennt ein kurzer Disput über die Zuordnung, bis Brigitte Jung unter Bezug auf die Groß-Zimmerner Pädagogen-Ikone Johannes Held dazwischengeht und die Katholiken von der Frontseite her nach links einordnet. Hinterher erzählt sie, dass sie als Schülerin alle Klassenräume des späteren Mittelbaus durchlaufen hat.

Sie muss schon damals recht vorlaut gewesen sein, denn sie gesteht: „Ich hatte in Betragen eine Drei. Das war für ein Mädchen in dieser Zeit sehr ungewöhnlich.“ Die Friedensschule ist auch der Ort, an dem das Groß-Zimmerner Bildungswesen aus den Händen der Kirche in die Hände des Staates überging, 1934, nicht ganz freiwillig, sondern auf intensives Betreiben der Nazis.

Von hier aus wären die Albert-Schweitzer-Schule - Ende der sechziger Jahre als Mittelpunktschule gegründet - und die junge Schule im Angelgarten die letzten Stationen der Schulbauten in Groß-Zimmern. Der Tross biegt aber nun ab in Richtung Glöckelchen, zur plauderreichen Schlussrast im Gewölbekeller des ehemaligen Schulhauses, das jedoch verschlossen blieb. Unterwegs erzählen Wichmann und Gudula Faig von den Anfängen der Unterrichtstätigkeit in der ASS. Die ehemalige Musiklehrerin hat lebhafte Erinnerungen, auch an ihre Dienstwohnung im ältesten Bauabschnitt der Friedensschule: „Eine ganze Etage für 40 Mark.“

Auf den Spuren der Bildung

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