Ortskernsanierung: ein Kind ihrer Zeit

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Rund 60 Teilnehmer besuchten zum 30. Geburtstag der Mehrzweckhalle Knotenpunkte der Ortskernsanierung. Mit dabei waren auch viele Zeitzeugen, die an verschwundene Gebäude erinnerten.

Groß-Zimmern ‐ Als das Gemeindeparlament im Februar 1969 über die Ortskernsanierung debattierte, ging es nicht einfach um ein „Face-Lifting“ für die Kommune. Groß-Zimmern sollte ein modernes Gesicht mit dichterer Wohnbebauung, Parkplätzen und einem neuen Ortszentrum mit großzügigem Rathaus und der Mehrzweckhalle erhalten. Für den städtebaulichen Neubeginn im Zentrum wurde auch eine Vielzahl traditionsreicher Gebäude geopfert. Von Ursula Friedrich

Hier stand mein Elternhaus und daneben war die Milchannahmestelle“, eine ältere Dame tippt auf das historische Foto der Jahnstraße. Die alten Gebäude verschwanden, heute steht hier die Mehrzweckhalle. Auch die ehemalige Synagoge, das Gasthaus „Löwenbräu“ oder das alte Kino im Ortszentrum sind Geschichte. Der 30. Geburtstag des „Bürgerhauses“ am Rathausplatz war Anlass für einen historischen Rundgang, zu dem Glöckelchen-Verein und Odenwaldklub eingeladen hatten.

Rund 60 Bürger gingen auf Zeitreise in die Vergangenheit. „Abriss und Neubau – das war der Zeitgeist“, bringt Manfred Göbel, Lokalhistoriker und Vorsitzender des Glöckelchenvereins, die Intention der Gemeindeväter auf den Punkt, die mit der Aufstellung eines neuen Flächennutzungsplanes Ende der 60er Jahre den Startschuss für die Innenstadtsanierung gaben.

„Fertigbetonteile waren die Sensation“

119 Grundstücke, 291 Gebäude (davon 114 bewohnt) und 239 Wohnungen umfasste das Planungsgebiet im Herzstück der Kommune – vier Vollerwerbslandwirte waren von der Sanierung betroffen.

Als in den Folgejahren Bagger und Planierraupen den alten Baubestand dem Erdboden gleich machten, ging der ländliche Charakter des Ortsbilds mit alten Bauernhäusern und Hofreiten weitgehend verloren. Ein städtebaulicher Wettbewerb unter angehenden Architekten der TH Darmstadt wurde vor der Aufstellung eines neuen Bebauungsplanes für die Ortsmitte ausgeschrieben. „Die Planungsgrundsätze waren, im Auskernungsbereich Platz für Neubauten und bauliche Verdichtung, aber auch Freiräume zu schaffen“, erklärt Göbel. „Allerdings ließen sich nicht alle Ideen umsetzen.“ Dennoch tragen viele städteplanerische Veränderungen die Handschrift dieser Zeit: „Fertigbetonteile waren die Sensation“, so der Referent.

Oberstes Gebot: die Wohnqualität verbessern

Funktionale Architektur, neue Verkehrsführungen, mehr Parkraum, moderne Wohn- und Geschäftshäuser aber auch begrünte Zonen prägen heute weite Teile des damaligen Sanierungsgebietes. „Oberstes Ziel war es, die Wohnqualität zu verbessern“, führt Göbel aus.

Etwa 80 Prozent der alten Bebauung stammte aus der Zeit vor 1900. Insgesamt 21 Prozent der Gebäude innerhalb des Areals waren unbewohnbar, 14 Prozent in schlechtem Zustand und 13 Prozent ohne Bad. Acht Prozent der Bevölkerung musste zur Verrichtung ihrer Geschäfte die Toilette im Hof aufsuchen. Dennoch kommt Wehmut auf, als beim Spaziergang Schautafeln alter Ortsansichten betrachtet werden und Erinnerungen aufflackern. „Um im Krieg einen Film zu gucken, mussten wir im Kino nicht nur Eintritt zahlen, sondern auch Brennholz mitbringen“, erzählt eine Zeitzeugin. An die Stelle der „Filmbühne“ in der Jahnstraße ist ein Mehrfamilienhaus mit Restaurant gerückt. Hier wurden lediglich zwei Häuser erhalten. Auch die baulichen Eingriffe auf der Hauptstraße gen Kirchstraße waren immens. „Ein Ortszentrum gab es in Zimmern auch vorher“, so Göbel. Das Herzstück der Gemeinde lag um 1900 im Bereich der evangelischen Kirche und dem alten Rathaus in der Kirchstraße. „Im Krieg war das Rathaus dann im Glöckelchen“, bereichert eine Teilnehmerin die historischen Kenntnisse. „Neben der Kirche waren jugoslawische Gefangene untergebracht und später bekamen wir hier unsere Lebensmittelmarken.“ Das Glöckelchen lag geografisch im letzten Planungsquadranten der Kommune und war Gegenstand heißer Debatten. „Um das Gebäude wurde heftig gerungen“, so Thomas Beutel. Sowohl Abriss als auch der Verkauf zu einem symbolischen Preis standen zur Diskussion.

Roberto Blanco sang zur Eröffnung

Das Schicksal der Abrissbirne blieb dem Anwesen erspart. Die wurde im Bereich des heutigen Rathauses eingesetzt und machte unter anderem dem evangelischen Kindergarten, als auch der jüdischen Synagoge und den Geschäftshäusern der Firma Mai ein Ende. 1976 wurde das neue Rathaus eingeweiht und erstmals der Jahrmarkt der Vereine auf dem Rathausplatz veranstaltet. 1977 erfolgte der Baubeginn der Mehrzweckhalle. Trotz unermüdlicher Ratschläge engagierter Rentner, die als Zaungäste die Bauarbeiten kommentierten, konnte das Gebäude 1980 eingeweiht werden. „Roberto Blanco sang zur Eröffnung. Das war eine Sensation“, erzählt Göbel.

Die Neugestaltung der Ortsmitte kommentiert er diplomatisch: Nicht alles Alte sei erhaltenswert, ein Ort müsse sich eben weiter entwickeln. Allerdings würde man „heute vieles anders machen. Die Ortskernsanierung ist ein Kind ihrer Zeit.“

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