Ortslandwirt seit über einem Jahrzehnt

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Ortslandwirt Walter Pullmann.

Groß-Zimmern (ula) ‐ „Wenn das Getreide im Regen steht werden die Backwerte täglich schlechter“, kritisch mustert Walter Pullmann (63) die Roggenähren. Die Kapriolen des Wetters, vom langen Winter, dem kalten Mai, einem heißen Juli bis zum derzeit heftigen Regen machen das Warten auf die Getreideernte zur nervlichen Zerreißprobe.

Zwei Tage länger Sonne, dann hätten wir dreschen können“, so der Landwirt, der wie seine Kollegen die Sonne wieder herbeisehnt. Es ist die letzte Ernte, die Pullmann einbringen wird. Dann will er die Verantwortung über Hof und Äcker in die Hände seines Sohnes André legen. Zu tun bleibt genug. Erst kürzlich wurde Walter Pullmann zum dritten Mal in Folge im Gebietsagrarausschuss erneut zum Ortslandwirt gewählt, als sein Stellvertreter agiert Dieter Krauß, Kreislandwirt ist Walter Schütz aus Groß-Umstadt.

Seit über einem Jahrzehnt vertritt Pullmann somit die Belange seiner Zunft gegenüber der Kommune. Seine Meinung ist bei der Erschließung neuer Baugebiete und entsprechender Ausgleichsflächen gefragt, wenn es um die Zulassung weiterer Nutzfahrzeuge geht, Hecken und Wege in der Gemarkung zurück geschnitten, beziehungsweise befestigt werden oder Gräben umgelegt werden müssen. Als Ortslandwirt ist er Mittelsmann zwischen der Gemeinde und den Landwirten.

Heute widmet sich hier niemand mehr der Milchwirtschaft

Seit er als junger Bursche auf dem väterlichen Hof bereits tüchtig mit anpackte, hat sich sein Berufsbild gründlich geändert - und die Zahl der Landwirte ging deutlich zurück. „Innerhalb einer Generation ist unheimlich viel passiert“, erzählt Pullmann. „Früher brachten jeden Tag 30 Leute Milch zur Sammelstelle.“ Heute widmet sich hier niemand mehr der Milchwirtschaft. Die Zahl der Landwirte ist auf sechs gesunken, einige Nebenerwerbslandwirte machen die kleine Zunft in Groß- und Klein-Zimmern komplett. Vieh halten nur wenige. Pullmann selber stellte die Mastbullenzucht bereits in den 70er Jahren ein – zu wenig lukrativ. Die Zimmerner Landwirte setzen auf Ackerbau. Überwiegend Mais, Zuckerrüben, Getreide und Raps werden auf den insgesamt 650 Hektar Ackerfläche angebaut – auch die wird weniger, denn es wird stetig mehr gebaut, zudem werden Areale als Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen still gelegt. „Meistens die besten Böden“, kritisiert Pullmann, der sich mit diesem Einwand bei der Gemeinde leider nie durchsetzen konnte.

Heute sind Landwirte keine Bauern, die morgens die Kuh melken“, erklärt er. Dass er bis 7 Uhr schlafen darf, gehört zu den angenehmen Seiten des modernen Landwirts. Statt knietief im Stall Mist zu schaufeln, sitzt er oft am PC und beobachtet den Weltmarkt für Roggen, Mais und Weizen. Wie ein Aktienhändler gilt es, Trends zu verfolgen und zum richtigen Zeitpunkt zu verkaufen. Zeichnen sich in den USA und China schlechte Ernten ab, schnellen die Preise nach oben.

„Als Landwirt hat man nur einmal im Jahr Einnahmen“

Ob Asien oder Europa - abhängig ist alles vom Wetter – und hier macht die Pause des Sommers das Warten nicht einfach. „Als Landwirt hat man nur einmal im Jahr Einnahmen“, erläutert der Fachmann – die Ausgaben sind hingegen exorbitant. Der Fuhrpark hat Unsummen verschlungen – allein für den topmodernen Mähdrescher hätte man sich ein Reihenhäuschen kaufen können.

Damit sich die Investition rentiert, arbeiten die Landwirte Hand in Hand – die Maschine wird zur Erntezeit verliehen und läuft fast rund um die Uhr. Doch noch ist das Getreidelager, ausgelegt für 1000 Tonnen, verwaist.

Pferdezucht bleibt sein Steckenpferd

Wie die Ernte diesmal ausfällt, das mag auch Pullmann nicht prognostizieren. „Vor vier Wochen war alles sehr gut“ – dann kam zu viel Hitze. Kartoffeln konnten im knallharten Boden nicht gesetzt werden, den Obstbauern waren im eiskalten Mai dafür die Kirschblüten erfroren.

Im kommenden Jahr sind die Wettersorgen für Walter Pullmann eher sekundär. Zwei seiner vier Jungs entschieden sich für den Beruf des Landwirts, einer führt den väterlichen Betrieb fort.

Die Herrschaft über den Pferdestall will Pullmann behalten. Die Versorgung einiger Einstellpferde und eine eigene kleine Zucht – das wird sein Steckenpferd bleiben.

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