Pandemie rüttelt an sozialer Einrichtung

St. Josephshaus: Emotional und sozial Benachteiligte sowie Pädagogen spüren Corona-Auswirkungen voll

Trotz Pandemie voller Zuversicht vor der Bischof-Ketteler-Schule: Erziehungsleiter Frank Wiedemann, Geschäftsführer Thomas Domnick und Kerstin Hanich.
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Trotz Pandemie voller Zuversicht vor der Bischof-Ketteler-Schule: Erziehungsleiter Frank Wiedemann, Geschäftsführer Thomas Domnick und Kerstin Hanich.

Klein-Zimmern – Alle ächzen unter den Auswirkungen der Pandemie. Vor allem Kinder und Jugendliche haben zu kämpfen. Ganz besonders betroffen sind in unserer Gesellschaft schon zuvor Benachteiligte. So trifft Corona in all seinen Facetten beispielsweise das St. Josephshaus in Klein-Zimmern extra hart.

Die dort lebenden 130 Kinder und Jugendlichen im Alter von zwei bis 20 Jahren darin zu unterstützen, trotz emotionalen und sozialen Handicaps in ihrer Entwicklung voranzukommen, verlangt den insgesamt 300 dort Beschäftigten sehr viel ab. In einem Gespräch mit unserer Zeitung berichteten Geschäftsführer Thomas Domnick, Erziehungsleiter Frank Wiedemann und Kerstin Hanich von der schwierigen Neustrukturierung des schulischen und des Heimalltags.

Wenn für Kinder und Familien in der Corona-Krise Homeschooling, Distanzunterricht und wegfallende Freizeitangebote schon große Hürden bilden, so sind es Berge, die sich im St. Josephshaus vor den Kindern auftürmen. Sie kommen mit unterschiedlichsten Erfahrungen in die Obhut der Institution: Vernachlässigung, Eltern mit Drogenproblemen, sexuelle Übergriffe, Flucht und mehr. Was sie brauchen: feste Tagesabläufe, Strukturen, Verlässlichkeit. Das wird ihnen in Klein-Zimmern und den Dependancen in Dieburg und im Kreis auch gegeben, doch dies alles brachte die Pandemie eben auch arg ins Wanken.

In den historischen, aber modernisierten Gebäuden Klein-Zimmerns befinden sich zahlreiche Hilfsangebote zur Erziehung, die Werkstätten sowie die Verwaltung. Weiterhin gibt es drei Wohngruppen und eine Tagesgruppe im Kettelerhaus in Dieburg und weitere Wohn-, Tages- und Familiengruppen an unterschiedlichen Standorten im gesamten Landkreis. Allein im Josephshaus und in der Bischof-Ketteler-Schule wirken rund 250 Pädagogen im Schichtdienst rund um die Uhr in den Schul- und Wohngruppen nebst ambulantem Dienst.

Die bundesweiten Schulschließungen infolge der Corona-Pandemie stellte mit jeder Welle besonders für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine große Herausforderung dar. Bei dieser Gruppe handelt es sich überproportional häufig um Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen, deren gleichberechtigte Teilhabe am „Fernunterricht“ nicht gegeben ist. „Dies ist vor allem auf die häuslichen Gegebenheiten, beispielsweise den begrenzten Zugang zu digitalen Medien, beengte Wohnverhältnisse und geringe Möglichkeiten elterlicher Unterstützung zurückzuführen“, erläutert Wiedemann. Und Domnick ergänzt: „Nicht nur für die Schüler stellte und stellt die Pandemie eine riesige Herausforderung dar. Auch die Pädagogen, wir alle hatten viel dazuzulernen.“

Und aufzurüsten, beispielsweise auf technischem Sektor. Mittlerweile hat jeder der 82 Schüler – sowohl jene in Klein-Zimmern (30 Kinder in den Klassen 1 bis 6) als auch in Dieburg (52 Jugendliche der Klassen 6 bis 10) – einen Laptop. „Und wir haben unsere WLAN-Potenziale in den Schulen und für die Wohngruppen hochgefahren, so gut es ging“, sagt Domnick, wissend, dass es zuhause bei vielen Schülern noch heute oftmals nicht so gut funktioniert.Viele kommen aus kinderreichen Haushalten, für die Teilnahme an digitalem Unterricht fehlen Ausstattung und ausreichende Internetverbindung.

Schüler mit Defiziten im Bereich emotionalen Erlebens und sozialen Handelns sind häufig für schulisches Lernen wenig motiviert. Die Pandemie-Maßnahmen steigern noch die hohe Ablenkbarkeit und verkürzen Konzentrationsspannen. Motivation, Ausdauer, Lerntempo und Belastbarkeit unterliegen bei derart Gehandicapten Schwankungen, die durch solch bedrohliche Außeneinflüsse wie Covid noch größer werden. Fordern die im Josephshaus lebenden Jugendlichen von ihren Bezugspersonen schon in Normalzeiten ein kaum erfüllbares Maß an ständiger Zuwendung, so wuchs dies mit jeder Welle nochmals an. Die schulische Leistungsfähigkeit ist oft durch die Vielzahl nicht unterrichtsbezogener und zugleich Kräfte zehrender Interaktionsprozesse erheblich eingeschränkt.

Domnick ist deshalb stolz auf sein Team, das aller Widrigkeiten zum Trotz eine gewisse Normalität im St. Josephshaus zu bewahren versteht: „Mit diesem Ziel arbeiten hier alle Disziplinen eng zusammen: Sozialpädagogen, Erzieher, Psychologen, Verwaltungsfachkräfte, Gartenbau- und Handwerksmeister sowie Hauswirtschaftskräfte.“

Unter erschwerten Bedingungen. Zwölf Quarantäne-Situationen gab es bislang. Besonders schlimm für alle Beteiligten. Die maximal sechsköpfigen Lerngruppen, die sich normalerweise aus Schülern mehrerer Wohneinheiten rekrutieren, wurden aufgelöst auf die reinen Wohneinheiten von zehn Personen. Keine Kontakte außerhalb der einzelnen Wohn-Haushalte bedeutete freilich auch Einschränkung der so wichtigen sozialen Kontakte. Und als kurz vor Weihnachten in einer Gruppe ein Bewohner positiv getestet wurde, mussten alle Bewohner in Quarantäne. Nichts war’s mehr mit Weihnachten zuhause bei den Eltern feiern. Ähnliches ereignete sich nochmals kurz vor Ostern.

Nicht nur Schüler leiden unter den Schutzmaßnahmen. Domnick erzählt: „Ein Pädagoge beispielsweise schützte seine Familie, indem er bei seiner wegen Corona kasernierten Gruppe blieb und zwei Wochen im Josephshaus wohnte.“

Lehrer warten teilweise mit Distanzunterricht in den Wohngruppen auf, stellen per Video von außen Aufgaben, die es zu lösen gilt. Nicht nur der Unterricht leidet, vor allem gab und gibt es Einschnitte auch im Sport- und Freizeitangebot. „Es reduzierte sich auf Bewegungsspiele im Kleinen. Dass alle mal was zusammen unternehmen konnten, war plötzlich ausgeschlossen“, berichtet Wiedemann.

Unterricht und Zusammenleben sind sehr beeinträchtigt. Und so sehr auch alle im Josephshaus aufeinander achten, bleibt eine große Angst. Denn was außerhalb der behüteten Heimstätte passiert, weiß ja niemand. Viele Kinder kommen ambulant ins Josephshaus, andere besuchen Eltern und Freunde, niemand weiß, was in dieser Zeit geschieht. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht liegt bei vielen bei den Eltern. Was diesean den Wochenenden mit ihren Kindern unternehmen, bleibt deren Angelegenheit. Das schürt Ängste vor allem bei jenen, die von Natur aus nicht die Stärksten sind, sondern Behütung und Verlässlichkeit dringend brauchen. Ein Hexenkreislauf.

Auch wenn sich im Land die Lage bei sinkenden Inzidenzzahlen zu entspannen scheint, so wird die Pandemie das Josephshaus und seine Einrichtungen noch lange beschäftigen. Zwar haben über die Hälfte der Pädagogen bereits eine Erstimpfung, doch noch keiner der Schutzbefohlenen. Für sie gibt es noch gar keinen zugelassenen Impfstoff.

Doch herrscht Zuversicht. Laut Geschäftsführer Domnick komme große Unterstützung sowohl durch Caritas, Bistum Mainz als auch Sozialministerium, Gesundheitsamt und Landkreis. Auch kommunal erfahre man Verständnis für die schwierige Situation. Die „Alte Apotheke“ in Groß-Zimmern beispielsweise komme für Testungen der Bewohner und Bediensteten ins Haus nach Klein-Zimmern.

Was derzeit allerdings händeringend fehlt, sind Praktikumsplätze für die Schüler. Das Praktikum ist für Förderschüler oft die einzige Chance, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 20 bis 30 solcher Praktika boten heimische Firmen und Handwerksbetriebe bislang pro Jahr für Ketteler-Schule und -Haus, doch zwei Drittel davon brachen mit der Pandemie weg. „Unsere Schüler sind in besonderem Maße auf solche Stellen angewiesen“, erklärt Erziehungsleiter Wiedemann. Die meisten kämen auch nicht über schriftliche Bewerbungen an eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz, sondern eben über Praktika. „Da können sie sich und den Arbeitgebern direkt beweisen, was in ihnen steckt und ob sie sich für die angestrebte Tätigkeit eignen.“ (Thomas Meier)

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