Jubel mit Fächer und Gipsbein beim 4:0

Paradiesische WM-Arena

Groß-Zimmern ‐ Samstag, 15.22 Uhr: Noch etwas mehr als eine halbe Stunde bis zum Anpfiff der Begegnung Deutschland gegen Argentinien. Die WM-Arena des FSV ist bereits zur Hälfte gefüllt. Von Michael Just

Schwarz-Rot-Gold-Euphorie herrscht auch bei Roland Cöster vor: Mit seiner Frau ist der 46-Jährige im Deutschland-Trikot, mit „Wangen-Fähnchen“ und einer Tröte gekommen, die keine Vuvuzela ist. „Die ist noch lauter“, sagt das Mitglied des Schwarzen Bocks über das kleine, runde, fast ominöse Gebilde. Als er reinbläst haut es den Nebenmann fast um. Bisher hat Cöster alle Deutschland-Spiele in der Arena geschaut. Obwohl er kein FSV-Mitglied ist, findet er sein Kommen selbstverständlich: „Die Vereine müssen sich einfach gegenseitig unterstützen.“

In die Runde gefragt sagen fast alle bei den Ergebnis-Tipps einen deutschen Sieg voraus: 2:1 orakelt Jana Bernhard. Sie war schon beim Public-Viewing in der Darmstädter Centralstation dabei, beim FSV gefällt es ihr aber besser. Ihr Freund schaut heute in der Commerzbank-Arena in Frankfurt, der Hitze wegen ist sie aber nicht mitgefahren. Nur einer tippt ein 3:1 für Argentinien: Der 14-jährige Johann Haensch outet sich als Messi-Fan. Zusammen werden Schüler und der Starkicker an diesem Nachmittag ihr blaues Wunder erleben.

15.58 Uhr: Kurz vor dem Anstoß ist die WM-Arena gut gefüllt, auch wenn hier und da noch freie Plätze zu sehen sind. Einige ziehen bei über 30 Grad doch das kühlere Wohnzimmer mit herabgelassenem Rolladen vor. „Wir haben extra noch Schattenplätze außerhalb vom Zelt geschaffen“, sagt ein Mitglied vom Organisationsteam des FSV. Einer der wenigen, der kein Deutschland-Trikot an hat, ist Martin Faller. „Wir kommen hierher weil wir keinen Fernseher haben“, sagt der Mann mit den schwarz-grauen Haaren und dem seriös wirkenden dunkelblauen Polo-Shirt. Ihm reiche sonst die Zeitung zur Information, aber jetzt wolle er doch live dabei sein.

Als wäre es nicht schon warm genug hat sich Christin Schottenheimer am Rande des Zeltes einen Stuhl geschnappt und reckt den Kopf Richtung Sonne. Die Schülerin ist mit einem Gipsfuß unterwegs. „Ich bin auf der Treppe gestürzt“, sagt die 18-Jährige. Das Spiel mit ihren Freuden wollte sie sich deshalb aber nicht entgehen lassen. Ihre Mutter hat sie zur Freundin gefahren und dann ein Schulkollege hierher. Um den Gips hat sie wirkungsvoll ein deutsches Fähnchen gewickelt.

16.03 Uhr: Tor für Deutschland durch Müller! Die WM-Arena steht zum ersten Mal Kopf. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass die Groß-Zimmerner Fans aufspringen und sich in den Armen liegen.

16.46 Uhr: Der Pausenpfiff bringt eine kleine Erlösung: Raus aus dem Zelt und an die nicht ganz so frische weil über 30 Grad warme Luft. Der Rasensprenger des FSV wird schon länger vom Nachwuchs begeistert frequentiert. Einige Besucher essen eine Bratwurst, was aber erneut Schweißtropfen auf die Stirn treibt.

17.23 Uhr: Als Klose zum 2:0 trifft ist die WM-Arena im siebten Himmel. Hitze und Jubel machen zunehmend durstig. Gegen das Tropengefühl im Zelt wird nun an vielen Tischen alles herangezogen, was zum Wedeln brauchbar ist. Die nobelste und effektivste Lösung hat Christina Riske im Petto: Sie hat einen Fächer dabei. „Der stammt aus Andalusien“, erzählt sie. Ihre Freundin ist Flamenco-Tänzerin und hat ihr das heute unersetzbare Stück mitgebracht.

17.29 Uhr: Arne Friedrich trifft zum 3:0. „Wenn wir heute gegen Argentinien kein Tor hinnehmen müssen, dann werden wir Weltmeister“, sagt Markus Pitsch voraus, dessen T-Shirt Deutschland schon als die besten Ball-Künstler der Welt feiert.

Beim 4:0 wird klar, dass Georgi Herzog heute im Dauereinsatz ist. Der Mann von der WM-Arena legt zusätzlich Stimmungslieder im Zelt auf und gibt die Torschützen nochmal laut per Mikro zum Mitrufen durch.

Der WM-Gassenhauer „Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein...“ erschallt aus allen Kehlen.

17.48 Uhr: Das Spiel ist aus! Zwar ist Deutschland noch kein Weltmeister, aber die meisten Fans könnten die ganze Welt umarmen. Einige stehen gebannt vor der Leinwand andere wandern Richtung Ausgang.

Die Frage, „was geht heute noch?“, wird unterschiedlich beantwortet: „Wir grillen zu Hause“, sagt eine Frau, der Mann neben ihr will „jetzt nur unter eine kalte Dusche“.

„Hupen, hupen, hupen“, sagt Marie Rosinski. „Jetzt geht’s erst durch den Kreisel in Groß-Zimmern und dann durch den in Dieburg“ kündigt sie an.

Überall blickt man in glückliche Gesichter: Deutschland ist noch im Turnier, des Sommermärchens zweiter Teil macht alle euphorisch, was sowohl sportlich als auch organisatorisch die engagierten Macher des FSV freut: „Die WM-Arena geht weiter!“ heißt es in der Waldstraße mit Blick auf das Halbfinale am kommenden Mittwoch gegen Spanien und natürlich auch auf das Finale.

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