100 Jahre Brieftauben-Verein 02193 Groß-Zimmern / Teil 1: bis in die 1950er Jahre

„Rennpferd des kleinen Mannes“

Die Mitglieder des Brieftaubenvereins 02193 1962 auf dem Gelände am „Knusperhäuschen“. J Foto: p

gross-zimmern - Von der Öffentlichkeit noch unbemerkt kann ein zwar kleiner, aber traditionsreicher Verein in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiern: Es ist der Brieftaubenliebhaberverein „Club 02193“ Groß-Zimmern, der in der Neujahrsnacht 1911/12 in der Gaststätte „Kaiserhof“ in der Bahnstraße gegründet wurde. Von Dr. Manfred Göbel

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Die Geschichte der Brieftaubenzuchtvereine reicht zurück bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, als 1834 der erste in Aachen gegründet wurde. Die Taubenhaltung ist jedoch weitaus älter – wahrscheinlich sind Tauben die ältesten Haustiere der Menschen.

Auf Bauernhöfen war die Taubenhaltung eine Selbstverständlichkeit; die Tiere lieferten hochwertigen Dung und waren gekocht oder gebraten eine beliebte Abwechslung auf der Speisekarte. Letzteres beförderte auch die Taubenhaltung in den Städten, zumal zur Zeit der Industrialisierung, als die Städte wuchsen und Arbeiterwohnquartiere entstanden.

Ein Taubenschlag unter dem Dach benötigte nicht viel Platz und die Tiere kehrten aufgrund ihrer Standorttreue immer wieder zu ihrem heimischen Schlag zurück.

Insbesondere in den Arbeitersiedlungen trat neben dem Nutzen das Hobby der Taubenhaltung und im Ruhrgebiet, einer Hochburg des Brieftaubensports, entstand das geflügelte Wort von der Taube als dem „Rennpferd des kleinen Mannes“.

Die Verbreitung des Brieftaubensports in Deutschland, also die Taubenzucht und die Organisation von Wettflügen, wurde im 19. Jahrhundert einerseits durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes befördert, andererseits aber auch durch den Einsatz von Brieftauben in der militärischen Nachrichtenübermittlung. Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter weist auf seiner Homepage darauf hin, dass in Preußen die Brieftaubenzucht finanziell gefördert wurde und die Übung der Tauben auf bestimmten, vom Staat gewünschten Fluglinien vorgeschrieben war.

Das 1894 vom Reichstag beschlossene „Deutsche Brieftaubenschutzgesetz“ verbot das Einfangen und Töten von Tauben, die einem Züchter gehörten, nur dann, wenn dieser seine Tauben der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt hatte. In Folge dieses Gesetzes wurde eine Kennzeichnung von Brieftauben durch Stempelung am Unterflügel eingeführt und trotz des voranschreitenden Einsatzes der Telegraphie wurden im Ersten Weltkrieg auch Tauben zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden „reichsweit“ 688 Brieftaubenvereine und der 1912 in Groß-Zimmern gegründete Verein gehört zu den ältesten in unserer Region. Allerdings kam das Vereinsleben durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs schon wenige Jahre nach Gründung zum Erliegen und aus der Gründungszeit sind keine Unterlagen mehr vorhanden. Auch die Namen der Gründungsmitglieder sind nicht alle eindeutig überliefert. Offensichtlich war der Maurer Wilhelm Reinhard die treibende Kraft zur Vereinsgründung und das erhalten gebliebene Protokollbuch der 1920er Jahre weist ihn bis 1926 als Vorsitzenden aus. Als weitere Gründungsmitglieder nannte 1977 der damalige Vorsitzende Hans Göbel in einer Ansprache die Namen Karl Dietrich, Johann Grimm, Johann Hellerich und Johann Reitzel.

In den 1920er Jahre hatte der Verein knapp 20 Mitglieder. Dazu gehörten neben Wilhelm Reinhard der Maurer Lorenz Jorky, Schriftführer und zeitweise Vorsitzender des Vereins, und der Maurer Peter Lang, der für seine Verdienste um den Brieftaubensport in den 1960er Jahren zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde.

Nahezu alle Mitglieder beteiligten sich aktiv an den Preisflügen, die im Mittelpunkt des Vereinslebens standen. Das Protokollbuch weist für 1926 zwischen April und Juli elf Flüge aus, die mit Kurzstrecken (Babenhausen, Hösbach, Lohr) begannen und deren Auflassorte dann in Richtung Südosten immer weiter entfernt waren: Ansbach, Neumarkt, Regensburg, Straubing, Passau; dann in Österreich Linz, St. Pölten und Bruck. Die Flüge wurden – wie auch heute – im Rahmen der übergeordneten Struktur der Reisenvereinigung organisiert, so dass für den jeweiligen Preisflug die Tauben damals zwar vor Ort „eingesetzt“, also für den Preisflug registriert wurden, dann aber zur Bahn gebracht werden mussten, um von dort aus zu den Auflassorten transportiert zu werden.

Zum Vereinsleben gehörten neben den Flügen überörtliche Leistungsschauen, bei denen Preisrichter die Zuchterfolge bewerteten. Eine solche Brieftaubenschau wurde 1928 von dem Groß-Zimmerner Verein ausgerichtet; sie fand im „Saalbau von August Pullmann“ statt, dem damaligen Gasthof „Zur Linde“ in der Darmstädter Straße Ecke Bahnstraße. Bei Pullmann, selber Mitglied im Brieftaubenverein, veranstaltete der Verein auch seinen alljährlichen Maskenball.

In den 1930er Jahren erfolgte im Rahmen der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik die Eingliederung in den „Reichsverband für Geflügelzucht“.

Unterlagen aus dieser Zeit sind nicht erhalten geblieben. 1937 wurde in Groß-Zimmern ein weiterer Brieftaubenverein mit der Vereinsnummer „05950“ gegründet, der ebenfalls heute noch besteht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten sich die Brieftaubenvereine neu im „Verband zur Förderung der Reisetaubenzucht“. In diesem Zusammenhang wurde 1949 auch die Reisevereinigung Starkenburg gegründet. Zur Teilnahme an Preisflügen setzten die Groß-Zimmerner ihre Tauben anfangs in Dieburg in der Gaststätte Rachor, später im Gasthaus „Zum Löwen“ in der Kreuzstraße in Groß-Zimmern ein und brachten sie dann zum Dieburger Bahnhof. Nach Wechsel der Vereinsgaststätte wurde der „Club 02193“ im „Knusperhäuschen“ in der Angelstraße (im Volksmund „es Lipse“) heimisch, wo jahrzehntelang samstags die Tauben eingesetzt wurden.

Die Mitgliederliste von 1954 nennt Personen, die viele Jahre für den Brieftaubensport in Zimmern repräsentativ waren: Karl Dietrich (genannt „Biene-Karl“) aus der Dieburger Straße, Vorsitzender bis 1952; Adam Göbel aus der Waldstraße, Vorsitzender von 1953 bis 1961; Hans Göbel aus der Brunnerstraße, Vorsitzender von 1962 bis 1978; Heinrich Held, zuerst Schriftführer und von 1980 bis 2009 Vereinsvorsitzender; Georg Steinbeck, unter anderem viele Jahrezweiter Vorsitzender; Fritz Zacheis lange Zeit Rechner.

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