Kaputtes muss nicht immer in den Müll

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Gross-Zimmern - Ehrenamtlich und selbstlos für andere tätig werden, das ist das Herzstück der Bildungspolitik der „Freiwilligen Agentur“ des Landkreises. Hier werden Initiativen angestoßen, Netzwerke geknüpft, Menschen informiert und geschult. Von Ursula Friedrich 

In welcher Form dieses Engagement funktionieren kann, machen die Helfer der beiden Reparaturcafés in Groß-Zimmern vor, die einmal monatlich zum Besuch einladen. Seit März engagieren sich hier zehn Menschen im handwerklich-technischen Bereich, unter dem Dach des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg. „Wir sind keine Konkurrenz zu einer Änderungsschneiderei“, sagt das Näherinnenteam im Mehrgenerationenhaus. „Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“ Eine Naht ausbessern, Knöpfe annähen, einen Reißverschluss einsetzen, das geht den Frauen an den Nähmaschinen locker von der Hand.

Wer mit einer Textilie kommt, wird angeleitet, selbst an der Maschine Platz zu nehmen. Das ist kein Hexenwerk. Die acht Frauen haben sich hier im Rahmen eines Langzeitarbeitslosenprojekts der Kreisagentur für Menschen ab 50 Jahren kennengelernt. Das damalige Nähcafé hat sie zusammengeführt, selbstbewusster gemacht, um eine Fertigkeit mehr, die nun nicht für Bares, sondern unentgeltlich weiter gegeben wird. „Außer uns Hartz-IV-Leuten gibt es sicher noch andere, die auf jeden Euro gucken müssen“, nennt die Frauenrunde wirtschaftliche Beweggründe, einmal vorbeizuschauen – gesellschaftliche Kontakte gibt’s inklusive.

Dank Spray rauscht Benjamin Blümchen nicht mehr

Gut 800 Meter weiter hat Ronald Hillgärtner Schraubenzieher, Lötkolben und weiteres Werkzeug ausgepackt. Er repräsentiert das technische Pendant zur Nähwerkstatt. In seinem Domizil, der Projektwerkstatt in der Wilhelm-Leuschner-Straße, stehen die Bürger Schlange. „Der rauscht nur noch“, sagt Lasse Jungermann. Er hat einen bunten Kassettenrekorder mitgebracht. Mit einem speziellen Spray wird ein oxidierter Schalter gereinigt – im Nu dringt der Sound einer Benjamin-Blümchen-Kassette in vollem Klang aus dem Gerät.

Mit dem wohl exotischsten Artikel plagt sich Tobias Lauer herum: an einem Elektroschocker ist ein Kabel locker. „Hat mir mein Mann geschenkt, zur Sicherheit“, erläutert die Dame, die eigens aus Roßdorf anreiste, „naja, benutzt habe ich das Ding noch nie“, lacht sie. Nun erfüllt es zumindest wieder seinen Zweck.

Projekt mausert sich zum Erfolgsmodell

Uhren, ein Handstaubsauger, ein kleiner Milchaufschäumer werden an diesem Nachmittag wieder nutzbar gemacht. „Hier steht noch eine Playstation, da dauert es aber länger“, erklärt Tausendsassa Hillgärtner – nur von Hightechgeräten lässt er die Finger. Dafür gibt es hilfreiche Tipps. „Hier ist ein Stück Plastik abgebrochen“. Rasch hat er den Grund gefunden, warum ein Rekorder die eingelegten Musikkassetten verschlingt. Er ist mit dem Ansturm im Reparaturcafé gut ausgelastet, das Projekt mausert sich zum Erfolgsmodell.

Im Mehrgenerationenhaus könnten die Näherinnen hingegen noch mehr Arbeit gebrauchen. „Wir werden nach den Sommerferien unsere Öffnungszeiten in die Abendstunden verlegen“, beschließen sie. Angelika Seidler, die als eine Koordinatorin der Freiwilligen-Agentur im Landkreis den Stein für die Cafés ins Rollen brachte, freut sich über den Besuch einer engagierten Groß-Umstädterin. Die hat den Frauen über die Schulter geguckt. „Die Reparaturcafés sind eine Facette von Freiwilligenarbeit“, erläuterte Seidler, bemüht, weitere Stützpunkte im Landkreis aufzubauen.

Grundstein in Umstadt gelegt

Im benachbarten Umstadt ist der Grundstein für ehrenamtliche Hilfeleistungen nun ebenfalls gelegt. „Ehrenamt fördern und ausbauen, Rahmenbedingungen schaffen, um Menschen zu unterstützen, die sich einer unbezahlbaren Aufgabe widmen, das ist die Grundlage für die Gründung der Freiwilligenagentur“, erklärte Landrat Klas Peter Schellhaas. Ansprechpartner fürs Projekt, das Landkreis und Diakonie gemeinsam tragen, ist Manuel Feick, Tel. 06151/8811011, Email: m.feick@ladadi.de.

Frühjahrsputz in Groß-Zimmern

Frühjahrsputz in Groß-Zimmern

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