Rote Herzen und ein Plattenspieler

Groß-Zimmern - (bea) Die Tanzpartnerin hat den älteren Herrn verlassen. Er hat aber noch Lust auf Bewegung zur Musik und so dreht er alleine zu den Klängen des Liedes seine Runden. Das Demenzservicezentrum (DSZ) hat zum zweiten Tanzcafe eingeladen, und das ganz bewusst am Valentinstag.

Rote Herzen hängen von der Decke und an einer Tafel stehen Sprüche zum Thema Liebe. „Wo die Liebe …“ oder „Rote Lippen …“ warten darauf, vervollständigt zu werden.

Aber noch steht nach Kaffee und Kuchen die Bewegung im Vordergrund. Zu Melodien aus ihrer Jugend wiegen sich die älteren Herrschaften im Takt.

„Musik und Tanz sind Balsam für die Seele“, sagt Nicole Dengler, Diplom-Pflegewirtin und Leiterin des Demenzservicezentrums. „Die Gäste wurden schon mit Musik begrüßt und fühlten sich dadurch gleich mehr zu Hause in den Räumlichkeiten“, erklärt sie. Die junge Leiterin hat diesmal sogar einen echten Plattenspieler organisiert, beim letzten Tanzcafe dienten die schwarzen, runden Scheiben nur als Dekoration.

Musik gibt Orientierung, emotionale Anregung und Vitalisierung.

Menschen mit Demenz sind zumeist nicht körperlich eingeschränkt. Vertraute Melodien von früher wecken Erinnerungen und schaffen ein Wohlgefühl von Geborgenheit. „Und die Lieder bieten mitunter auch das Erfolgserlebnis, einen Text noch mitsingen zu können“, sagt Dengler. Das bedeutet viel, wenn das Leben sonst im Chaos versinkt, weil man nicht mehr weiß, ob es Abend oder Morgen ist, Sommer oder Winter, ob das Mittagessen schon verzehrt ist oder noch ansteht.

Vier Organisatoren des Tanzcafés für demente Besucher gibt es. Das DSZ ist selbstverständlich dabei, außerdem gehören dazu der ambulante Pflegedienst Spurensuche aus Münster, die ökumenische Sozialstation Groß-Zimmern und der Eulenwinkel von Pflegeteam Eule aus Lengfeld.

Viele ehrenamtliche Helferinnen sind auch immer dabei, ohne sie ließe sich einer solchen Nachmittag nicht gestalten. Gut angenommen wird das Zentrum im Groß-Zimmerner Otzbergring inzwischen. „Die Berichte in der Presse haben uns sehr geholfen“, sagt Pflegewirtin Dengler, „es haben viele Angehörige von Erkrankten angerufen, die das Gespräch oder Hilfe suchen. Wichtig wäre uns auch, die Krankheit Demenz aus der Tabuzone heraus zu holen“, erklärt Barbara Rachelmann. Sie arbeitet bei Therapon 24 mit demenziell Erkrankten in Reinheim, Roßdorf, Mühltal und Ober-Ramstadt. Ein solches Tanzcafe wie das am Samstag hat auch sie noch nicht erlebt. „Wir haben leider zu wenig Platz“, bedauert die Therapon-Mitarbeiterin.

Die Tanzcafés in Zimmern sollen allerdings fortgesetzt werden. Einen eigenen Plattenspieler will Dengler jetzt anschaffen, damit das authentische Gefühl von früher für die Besucher bleibt.

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