Ursula Burgdorf kreiert Poltermosaike / „Kunst ist auch immer Experiment“

Scherben sammeln auf neuen Wegen

Scherben bringen Glück: Ursula Burgdorf mit einem Poltermosaik, das in jedem Fall ein Unikat ist. Fotos (2): Just

Groß-Zimmern - Es gibt Gesichter, die vergisst man nicht: Bei Ursula Burgdorf ist es der Ausdruck des Paketzustellers. Von Michael Just

Als der jüngst beim Tragen des Kartons ein Scherben-Rascheln vernimmt, ahnt er schon das Schlimmste und will sich entschuldigen, dass der Inhalt die Reise wohl nicht überlebt hat. Doch die Sache ist anders: Die Bruchstücke wurden ganz bewusst als solche verschickt. Im Prinzip veheißt der Kartoninhalt sogar pures Glück, denn die Scherben stammen von einem Polterabend.

Aus ihnen macht Burgdorf nun Kunst. Im letzten Jahr kam die gebürtige Kölnerin, die seit mehr als 20 Jahren in Groß-Zimmern wohnt, auf die Idee, ein „Poltermosaik“ zu gestalten.

Dabei werden die schönsten Scherben ausgesucht und angeordnet. Das kann in einem Bild aber auch auf einem Rahmen geschehen. Das Resultat bringt stets ein unikates Kunstwerk hervor, das richtig postiert jederzeit an den schönsten Tag des Lebens erinnert.

Ursula Burgdorf, Jahrgang 1961, studierte in Paderborn Kunst- und Textilgestaltung. Danach hat sie Organisationsprogrammiererin gelernt und landete bei einer Firma in Darmstadt. Schon bald stellte sie fest, dass das nicht ihre Zukunft ist. 2002 eröffnete sie die „Kreativwerkstatt Groß-Zimmern“ mit einem ganz eigenen Konzept: Jeder Mensch habe irgendwann die Idee, etwas Künstlerisches – in welcher Form auch immer - zu schaffen, meint sie. Doch dann fehlten Raum, Material, Zeitpunkt und eine Person, die ein wenig anleite. All das hält Burgdorf bereit und bietet auch Entscheidungshilfen. „Willst du eher malen oder an Collagen ran?“, so lautete vor einem halben Jahr ihre Frage an eine Opernsängerin. In der Werkstatt kam dann ein anderes Talent zum Vorschein: „Jetzt hat diese Teilnehmerin Ytong-Steine als Material entdeckt und kreiert wunderbare Pinguine“, erzählt Burgdorf, die derzeit sechs Gruppen mit je maximal sechs Personen begleitet. In denen erzeugt jeder „sein eigenes Ding“, was in der Runde mehr Spaß mache als im stillen Kämmerlein. „Wenn die 25-Jährige neben der 70-Jährigen werkelt, bringt das positive Spannung“, erzählt die Expertin.

In ihrem Keller sind mittlerweile alle erdenklichen und unerdenklichen Materialien und Werkzeuge zu finden, die Kunst in jeder Form zulassen. Selbst eine Kreissäge gibt es für die, die den Pinsel mal beiseite legen wollen.

Burgdorfs persönliche Liebe gehört den Materialcollagen und Mosaiken, wo sie anfangs Textilien und Stoffe auf die Leinwand brachte.

„Ich habe gern mit den Dingen zu tun, die keiner mehr braucht“, sagt sie lachend. Davon spricht auf wunderbare Weise ein „Schwarzkugelbaum“: Einen alten Ast malte die Künstlerin rot an und steckte auf die Astspitzen große, schwarze Styroporkugeln.

Kunst ist für sie neben Gestaltung auch immer Experiment und das Beschreiten neuer Wege, die sich in keinem Buch finden lassen. Immer wieder möchte die Mutter zweier Töchter neue Bereiche kennenlernen. Das Schweißen hat sie dabei ebenso schon gelernt wie das Fertigen von Grünholzmöbeln. Hier entsteht aus frisch geschlagenem Holz Wohnungsinterieur. Als nächtes steht ein „Betonkurs“ an.

Der Hang zum Experiment brachte vor wenigen Wochen das Poltermosaik hervor, das so noch nicht bekannt ist. Hat sich Burgdorf den Namen schon geschützt? „Nein, noch nicht. Lässt sich so ein Begriff überhaupt schützen?“, fragt sie schmunzelnd. Wie auch immer, die Idee ist ein Erfolg, wie die Aufträge zeigen. Selbst bei der Hochzeitmesse in Darmstadt hat sie großes Interesse erfahren. Trotzdem will sie dort nicht mehr hin: „Zuviel Kommerz“, sagt sie, „der ideelle Gedanke geht verloren.“ Auf ihr aktuelles „Polter-Werk“, einen Spiegelrahmen, ist Burgdorf besonders stolz: Auf einer Scherbe ist das Köpfchen eines Schneemanns zu sehen, nebenan ein Gockel, dort ein paar Blumen. Das Porzellan ist mal cremefarben und edel, dann wieder rustikal, wie die Reste eines Bembels mit Weinlaub zeigen. Rund 200 Euro kostet eine größere Arbeit, was nicht viel ist, wenn man das stundenlange Friemeln und Puzzeln sieht. Passgenauigkeit und Korrespondenz zur Nachbar-Scherbe sind besonders wichtig. „Es macht echt Spaß, das harmonisch zusammen zu fügen“, sagt Burgdorf. Dabei schaut sie darüber hinweg, dass die Sache oft etwas unappetitlich als Kehraus mit Kippen und sonstigem Unrat daherkommt. Sind die Scherben gereinigt sieht die Welt schon wieder ganz anders aus, vor allem, wenn sich dabei interessante Motive - wie etwa eine Diddle-Maus - entdecken lassen. Manchmal bringen die frischgebackenen Eheleute oder die Braut die Scherben auch direkt vorbei. Das freut Burgdorf immer besonders: „Auch deshalb, weil dem Paketzusteller dann das beängstigende Klappern erspart bleibt.“

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