Schritt für Schritt ins Leben zurück

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Mindestens bis Oktober muss Stefano Cammarata in der Frankfurter Unfallklinik bleiben.

Groß-Zimmern ‐ Wenn Stefano Cammarata für den FSV Groß-Zimmern, den SC Hassia Dieburg oder Groß-Umstadt Fußball spielte, ging er selten mit sauberem Trikot vom Platz. „Ich habe es immer über die kämpferische Schiene gemacht“, sagt der 36-Jährige. Von Jens Dörr

Einen Kampf um Leben oder Tod musste er auf dem grünen Rasen nie führen. Die Einstellung des Elektroinstallateurs aus Groß-Zimmern war für ihn aber überlebenswichtig: Denn eigentlich bedeutet ein Sturz aus sieben Metern Höhe auf einen Hallenboden fast sicher den Tod.

Es war der 31. Mai, als Cammarata in einer Groß-Umstädter Sporthalle auf ein mobiles Gerüst stieg und in eben jener – für manchen schwindelerregenden – Höhe an der Deckenbeleuchtung arbeitete, wo er einen Kurzschluss vermutete. Vor den Augen eines Kollegen fiel Cammarata mit dem Gerüst um. „An das, was dann genau passierte, kann ich mich nicht mehr erinnern.“

Die darauf folgenden Wochen sollte er ohnehin andere Sorgen haben, denn der Sturz hatte katastrophale Folgen. Eine siebenstündige Notoperation im Umstädter Krankenhaus rettete dem beim Sturz sofort bewusstlos gewordenen und anschließend ins künstliche Koma versetzten Zimmerner das Leben.

Der „italienische Zimm`ner“ musste in Frankurter Klinik

Der FSV Groß-Zimmern und die Spielvereinigung Groß-Umstadt wollen demnächst ein Blitzturnier veranstalten und die Einnahmen spenden. Außerdem hat der FSV ein Spendenkonto eingerichtet. (Inhaber: FSV Groß-Zimmern, Sparkasse Dieburg, BLZ: 50852651; Konto-Nr.: 0138106273, Verwendungszweck: Stefano). Der SC Hassia Dieburg hat Cammarata-T-Shirts drucken lassen, deren Verkaufserlös (11 Euro das Stück) der Familie zugute kommt.

Bei dem Unfall wurden Lendenwirbel zertrümmert, die Lunge gequetscht, zwei Brustwirbel gebrochen, das Rückgrat in Mitleidenschaft gezogen, Nerven durchtrennt. Zehn Rippenbrüche trug er davon, „Kleinigkeiten“ wie einen Bänderriss und ein komplett blaues Knie vergisst der sympathische Familienvater bei einer ersten Aufzählung sogar. Darm und Blase sind bis heute träge, könnten aber in ein bis zwei Jahren wieder vollständig genesen sein.
Überhaupt: Genesung. „Ab dem Moment, in dem sich die Prognose verbesserte, hat Stefano nur noch nach vorne geblickt“, freut sich Ehefrau Bianca darüber, dass die recht deprimierenden ersten Wochen nach dem Unfall vorüber sind. Zehn Tage wurde er in Groß-Umstadt vor allem am Rückgrat behandelt. Dann kam der „italienische Zimm`ner“, wie er sich selbst nennt, nach Frankfurt in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik.

„Das Wichtigste ist, dass ich meine Kinder sehen kann“

Bei einer zweiten Operation stabilisierte man ihn von vorne, befasste sich insbesondere mit den Lendenwirbeln. „Zu Beginn wurde meinen Angehörigen gesagt, dass ich wahrscheinlich nie mehr würde laufen können“, erzählt Cammarata. Wie sich zehn Wochen nach dem Unfall und leider auch hoher verabreichter Morphiumdosen zeigt, hatte er wohl noch einmal Glück.

Die starken Schmerzmittel hat der 36-Jährige, der seinen Geburtstag vor einem Monat im Krankenhaus feierte, inzwischen größtenteils abgesetzt. Fast schmerzfrei sei er inzwischen, wenn er im Bett sitzt und sich unterhält, beschreibt er. Überhaupt wirkt der Zimmerner nicht traumatisiert oder verzweifelt und er klagt nicht über seinen Zustand. „Das Wichtigste ist, dass ich noch da bin und meine Kinder sehen kann“, lächelt er. Die zehnjährigen Zwillinge Luca und Luana kämen inzwischen schon viel besser mit der Situation klar, dass ihr Vater so lange im Krankenhaus ist.

Viel Hilfe aus dem eigenen Umfeld

Dort wird er noch mindestens bis Oktober bleiben. Auch danach wird er regelmäßig Reha-Maßnahmen absolvieren müssen. „Mein Sohn geht bei Viktoria Klein-Zimmern jetzt wieder ins Fußballtraining“, freut sich Cammarata. Anfangs wollte Luca nämlich gegen keinen Ball mehr treten.

Überhaupt der Fußball: „Ich habe von den Freunden und aus meinem weiteren Umfeld so viel Unterstützung erhalten, dafür bin ich einfach nur dankbar“, sagt er. Dieser Zuspruch, sein Glaube an Gott und natürlich die Prognose, dass er in absehbarer Zeit wieder ein weitestgehend normales Leben wird führen können, geben ihm Kraft.

Natürlich ist noch längst nicht alles im Lot: „Ich habe eine teilweise Querschnittslähmung, kann mit einem Rollwägelchen aber schon alleine laufen“, beschreibt er den derzeitigen Status Quo. „Wenn alles gut geht, werde ich bald wieder ohne Hilfe gehen können. Einige Stellen am Körper werden eventuell taub bleiben, weil durchtrennte Nerven nicht mehr zusammenwachsen. Vom Fußballspielen und vom Joggen muss ich mich aber verabschieden, haben mir die Ärzte gesagt.“

Berufliche Zukunft bleibt vorerst ungewiss

Nach mehr als 20 Jahren in Jugend und Aktivität hat Cammarata zuletzt bei den Alten Herren des FSV Groß-Zimmern gespielt. „Ich würde mich freuen, wenn ich zumindest meinem Sohn im Garten wieder ein paar Bälle zuschießen könnte.“

Und letztlich sind da natürlich auch die Fragen nach der beruflichen Zukunft und der finanziellen Absicherung. 80 Prozent seines letzten Lohnes erhält Cammarata weiter. Sein Chef im Zimmerner Elektroinstallationsbetrieb hält seinen Arbeitsplatz frei. Genau so weitermachen wie bisher wird er körperlich aber nicht können. Trotz dieser Grundabsicherung wird es in nächster Zeit schwierig für die vierköpfige Familie, die unter anderem ein Häuschen abbezahlen muss.

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