SPD-AG 60+ des Landkreises informiert in Groß-Zimmern

Ärztliche Versorgung: Systemwechsel für Zukunft?

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Lösungsansatz, in Groß-Zimmern: das Hausarztzentrum am Rathausplatz.

Groß-Zimmern - Ein Chorraum mit gruseliger Akustik und darin viele Menschen in einem Alter, in dem es schon Probleme mit dem Hören geben kann: Von Sebastian Richter

Die Rahmenbedingungen für eine Informationsveranstaltung der SPD-AG 60+ in Groß-Zimmern zur ärztlichen Versorgung im Landkreis hätten besser sein können. Die ärztliche Versorgung könnte allerdings auch besser sein. Diagnose: Der klassische Landarzt ist eine aussterbende Spezies. Aktuelles Beispiel, auf das Günter Christ für die AG 60+ der SPD aufmerksam machte: Altheim, wo der Ruhestand des Landarztes angekündigt, aber keine Nachfolge in Sicht ist. Diese Anmerkung war einer der wenigen Ausflüge zu den konkreten Problemen im ländlichen Osten des Landkreises, ansonsten blieben die Referate auf einem ziemlich hohen Abstraktionsniveau, die angebotenen Aussprachen nach den einzelnen Vorträgen blieben weitgehend aus.

Pelin Meyer, Geschäftsführerin der Kreiskliniken, startete ihr Referat mit einer Differenzierung der Diagnose und Erläuterungen zum Konzept der medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die inzwischen zu einer Art Allzweckinstrument gegen „Mangelerscheinungen“ im Landkreis entwickelt werden.

Diagnose, die zweite: Kaum ein junger Arzt ist heutzutage geneigt, sich den Rest seines Lebens bei einer Arbeitswoche von mindestens 60 Stunden einem Dorf zu verschreiben. Nähe zu urbanen Zentren, Unterhaltungsangebote und eine überschaubar geregelte Arbeitszeit – das sind so einige Eckwerte, die eine immer größere Rolle spielen. Dazu kommt, wie später ein Mediziner aus dem Publikum zu bedenken gab, „dass die Ausbildung für Allgemeinmediziner und Fachärzte gleich hart ist, Fachärzte aber später deutlich mehr verdienen. Außerdem: Die ärztliche Versorgung auf dem Land wird immer weiblicher, wie später auch Elke Kessler, Geschäftsführerin des Consulting-Unternehmens ASD-Concepts, erläuterte. Damit seien unter der Prämisse der Vereinbarkeit von Beruf und Familie andere Arbeitszeit-Modelle gefragt, bei denen „Teilzeit“ eine gewichtige Rolle spiele.

Therapie, die erste: Wo Mangel absehbar wird, kann der Kreis MVZ gründen. Dazu erwirbt er Arztsitze und besetzt sie mit Personal, das bei den Kreiskliniken angestellt ist. Erstes Beispiel, das Meyer darstellte: das MVZ in Ober-Ramstadt. Ging es anfangs um die Sicherstellung der allgemeinmedizinischen Versorgung, lässt sich das Instrument inzwischen auch zur Sicherung fachärztlicher Angebote einsetzen: Radiologie und Gynäkologie in Groß-Umstadt, Unfallchirurgie in Seeheim-Jugenheim. Vier MVZ unterhält der Kreis inzwischen, weitere werden wohl hinzukommen. Dass dies öffentliches Geld kostet, blieb unwidersprochen.

Kessler zeigte eine ganze Reihe von Statistiken, in denen es unter anderem um „fiktive Versorgungsgrade“ ging. So gesehen ist der Landkreis Darmstadt-Dieburg fast ein Paradies, was die fachärztliche Versorgung angeht, was wohl ein jeder in Zweifel ziehen wird, der sich als neuer Patient um einen Termin beim Orthopäden oder Neurologen bemüht hat. Aber, wie gesagt: Es handelt sich ja um „fiktive“ Werte, deren Quelle vermutlich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist.

Dieses berufsständische Instrument der Selbstverwaltung regelt die Verteilung von Medizinern mit Kassenzulassung, die Resultate sind bisweilen für die Patienten nur schwer nachvollziehbar. Und der fiktive hausärztliche Versorgungsgrad weist Defizite aus: Für Dieburg und Groß-Umstadt liegt er immerhin noch bei 88 Prozent, in Groß-Zimmern sind es 75, in Münster 69, in Babenhausen nur 64 Prozent. Die KV sollte in der Veranstaltung eigentlich auch repräsentiert sein, ihr Vertreter ließ sich jedoch entschuldigen.

Therapie, die zweite: Schaafheim fällt mit 154 Prozent gänzlich aus dem Rahmen. Wie das ohne Landkreis von Ärzten selbst organisierte Arzt- und Apothekenzentrum funktioniert – nämlich so gut, dass Patienten aus Babenhausen nach Schaafheim pilgern – erläuterte Mitbegründer Gerhard Welbers. Das Hausarztzentrum am Rathausplatz in Groß-Zimmern, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Veranstaltung, ist übrigens nach einem ähnlichen Muster gestrickt.

Therapie, die dritte: Kessler, die Babenhausen in Sachen ärztliche Versorgung berät, erläuterte, wie es dort durch Anreize gelungen ist, die Situation zu verbessern. Dazu gehört das Angebot von Räumen, dazu gehören auch Startzuschüsse für die Übernahme und Neugründung von Praxen. Dazu gehört mithin – ähnlich wie bei den MVZ – der Einsatz von öffentlichem Geld.

Therapie, die vierte: Ein weiterer statistischer Wert rief Dieter Emig auf den Plan. 2400 neue Hausärzte würden pro Jahr benötigt, um den Status quo zu erhalten, hatte Kessler ausgeführt, es stünden aber nur 1 200 zur Verfügung. „Das ist ein allgemeiner Mangel“, konstatierte Groß-Zimmerns Ex-Bürgermeister, der als SPD-Politiker nach wie vor auf Kreisebene engagiert ist: „Wir können es uns im prosperierenden Landkreis Darmstadt-Dieburg ja vielleicht noch leisten, einige von diesen 1200 mit materiellen Anreizen anzulocken, aber die fehlen doch dann woanders. So kann es nicht weitergehen. Wir müssen über einen grundlegenden Systemwechsel nachdenken.“

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