An der Stieftochter vergangen

Darmstadt/Groß-Zimmern ‐ Ekel, Zorn und Unverständnis – so drückte der Vorsitzende Richter am Montagvormittag die Reaktionen aus, die auch die Mitglieder der dritten Strafkammer des Darmstädter Landgerichts nicht unterdrücken konnten.  Von Jens Dörr

Das Video war von einer Qualität, wie auch wir sie nicht alle Tage zu Gesicht bekommen“, sagte Richter Jens Aßling. Gemeint war der Fall des zuletzt in Groß-Zimmern lebenden Daniele K. (30), der am Montag zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt wurde. Grund: In mehr als einem Dutzend Fälle hatte Daniele K. seine Stieftochter sexuell missbraucht, davon mehrmals „schwer“ – der nächsten juristischen Stufe, die bei Eindringen in das Opfer oder bei Oralverkehr vorliegt. In mindestens einem Fall hielt K.’s Ehefrau Janine K. (30) den Missbrauch mit einer Handy-Kamera fest. Sie, deren Fall im Prozess mitverhandelt wurde, erhielt drei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe. Das Gericht folgte damit den Anträgen des Staatsanwalts.

Mit gesenktem Kopf, aber äußerst gefasst verfolgten die beiden Angeklagten den zweiten Teil des Prozesses, der bereits eine Woche vorher mit einem umfassenden, über das zunächst Nachweisbare hinausgehende Geständnis von Daniele K. begonnen hatte. Dass der zuletzt in Groß-Zimmern und davor in Darmstadt Lebende allem Anschein nach reinen Tisch machen und die Aufklärung unterstützen wollte, hielt ihm die Strafkammer in ihrem Urteil zugute. Bei der leiblichen Mutter des Mädchens hatte die Kammer diesen Eindruck nicht, glaubte auch nicht an ein einmaliges, spontanes Filmen des Missbrauchs. Nur dieser Einzelfall wurde allerdings nachgewiesen und bestraft.

Daniele K. war bereits vorbestraft

Negativ beeinflusste das Urteil bei Daniele K., dass der 30-Jährige bereits wegen des Besitzes und der Verbreitung von kinderpornografischen Fotos und Videos vorbestraft war. Außerdem seien Dauer und Umfang der sexuellen Praktiken immens gewesen: Daniele K. begann mit dem Missbrauch seiner Stieftochter, als diese sechs Jahre alt war.

Zweieinhalb Jahre lang zog sich das Martyrium des Kindes hin, das von K. zunächst mehrmals am nackten Körper angefasst worden war. Später steigerten sich die Misshandlungen – bei deren Schilderung stockte manchem Zuschauer sichtlich der Atem.

Das Opfer lebt nun bei einer Pflegefamilie

Aufgeflogen waren die Misshandlungen, weil Daniele K. in Internetforen und Chats über seine pädophilen Fantasien und Handlungen geschrieben hatte. Die Beschlagnahmung seines Rechners sicherte schließlich umfangreiches Beweismaterial, darunter auch das Video, das ihn bei den Misshandlungen zeigt und von Janine K. aufgenommen wurde. Erst beim zweiten Mal habe das Gericht das Video inklusive Ton schauen können, so der Richter. „Das hat die Sache nicht gerade besser gemacht“, sagte der Vorsitzende der Kammer. Unter anderem habe der Angeklagte das Mädchen angewiesen, sparsam mit der Gleitcreme umzugehen – weil die so teuer sei. Für das Gericht einer der Belege dafür, dass der 30-Jährige sein Verhalten stets steuern konnte. Laut Gutachten liege bei ihm auch keine Kernpädophilie vor. Das Ausüben sexueller Praktiken mit dem Kind sei lediglich eine der „Spielarten“ zur eigenen Befriedigung gewesen. K. und seine Noch-Ehefrau, sie hat inzwischen die Scheidung eingereicht, sind von unauffälliger Erscheinung. Er hatte gegenüber dem Verteidiger eingeräumt, seit seinem 16. Lebensjahr „nicht mehr richtig zu ticken“. Das heute neunjährige Mädchen lebt bei einer Pflegefamilie.

Die Geschwister des Kindes sind offenbar keine Opfer des Stiefvaters geworden. Das Urteil ist rechtskräftig, da die Angeklagten erklärten, auf Rechtsmittel zu verzichten.

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