Streuselkuchen und Geschichte(n)

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Bäckermeister Klaus Nennhuber (rechts) als „Kronzeuge“.

Groß-Zimmern - Kaffee und Kuchen satt. Was sonst zu einem Nachmittag, der die „Zimm’ner Backstuwwe“ zum Thema hat? Nach der ersten Etappe des verbalen Marsches durch die Historie langt auch Manfred Göbel zu.

Mit ihm teilen am Sonntagnachmittag rund 60 Besucher die Lust an süßen Sünden, alten Fotografien und erheiternden Anekdoten.

Göbel, versierter Heimatforscher und Pädagoge, ist auch Vorsitzender des Groß-Zimmerner Orgelfördervereins und als solcher immer wieder mit originellen Aktionen zum Spendeneinsammeln beschäftigt. Unlängst ging’s dabei um „Dölchers Weihnachtsplätzchen“, und es mag sein, dass der Blick in Walter Dölchers sehr historische Backstube den Anstoß zur Vertiefung des Themas gab. Die Bäckerei in der Alten Gartenstraße ist einer von zwei noch verbliebenen Traditionsbetrieben in Groß-Zimmern, wird in der vierten Generation von der Familie geführt, ebenso wie Klaus Nennhubers Bäckerei in der Jahnstraße. „Es waren mal sehr viel mehr Bäcker, 17 Betriebe bei 3 000 Einwohnern in der ersten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts“, wie Göbel beim Streifzug durch die Archive und den Blick ins Ortsbürgeregister herausgefunden hat.

Geschichten über die Gewerbeaufsicht

Vier Häuser hat er als Traditionsstandorte identifiziert, in der Angelstraße, der Enggasse, der Kreuz- und der Kirchstraße. Und wie es so Göbels Art ist, liefert er auch gleich Anekdotenhaftes mit, wie Geschichten über die Gewerbeaufsicht, die schon damals gegen untergewichtige Brote oder gar die Verweigerung des Brotbackens zu vorgeschriebenen Preisen vorgegangen ist. Aber die Quellenlage scheint ansonsten nicht sonderlich üppig zu sein, denn „Bäcker waren friedliche Leut“, stellt Göbel fest und will damit sagen, dass sie im Gegensatz zu Metzgern eher selten öffentlich aufgefallen sind.

Er kann auch Zeitzeugen aufrufen. Da ist beispielsweise Margarete Braun, geborene Dölcher, die über die Bäckerei in der Kirchstraße erzählt. Und da ist Klaus Nennhuber selbst, für den das Handwerk ja bekanntlich „eine Frage der Ähre“ ist. Der stellt fest, dass „im Ort“ früher drei Leute was zu sagen hatten – „der Pfarrer, der Bürgermeister und der Bäckermeister.“

Viel zu erzählen übers Bäckerhandwerk hatte Heimatforscher Manfred Göbel. Im großen Saal des Kulturzentrums Glöckelchen blieb kein Stuhl blieb frei.

Der Bäckermeister aus der Jahnstraße ist aber nicht nur in seiner „Backstuwwe“ aktiv, hat dort auch schon ein Orgelbrot produziert, sondern engagiert sich darüber hinaus in Innung und Handwerkskammer.

Aus dieser Perspektive heraus beschreibt er in Zahlen den Prozess, den viele der Besucher am eigenen Leib gespürt haben und überwiegend beklagen: „Als ich Obermeister der Bäckerinnung Dieburg wurde, hatten wir anfangs 120 Betriebe, am Ende waren es gerade noch 36.“ Und denen mache das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Energie zum Backen zu teuer. Es wird immer lebhafter, Geschichte löst sich in Geschichten auf. An der allgemeinen Kaffeetafel sitzt eine ältere Dame, die nach eigenem Bekunden „erst“ seit zehn Jahren in Zimmern lebt – und bitter beklagt, wie die kleinen Traditionsgeschäfte und Handwerksbetriebe nach und nach aus dem Ortskern verschwinden. Da ist der Streuselkuchen nur ein temporärer Trost.

Am Ende gibt’s dann noch die Auflösung des vorangegangenen Preisausschreibens im LA.

sr

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