Täter suchen Opfer und keine Gegner

+
Eine Mutprobe dürfen die Schüler der Klasse F6 bestehen. Die Matte, die noch über ihnen gehalten wird, wird in Kürze auf sie hinunterfallen.

Groß-Zimmern - „Ich möchte Aggressionen abbauen, Respekt haben und ehrlich über alles reden“, steht auf der Pinnwand. Nicht gewollt ist Auslachen, Schimpfwörter, Langeweile und Zwang. Das haben die Schüler der Klasse 6F der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) aufgeschrieben und sich sozusagen zum Vertrag gemacht. Von Ulrike Bernauer

Laut klatschen, wenn einer von ihnen etwas gut gemacht hat, gehört auch dazu und bei Regelverletzungen müssen fünf Liegestütze gemacht werden.

Die sechste Klasse der ASS nimmt an einem Gewaltpräventionstraining teil. 19 Mädchen und Jungen sitzen erwartungsvoll auf Bänken in der Turnhalle und schauen auf den Seminartrainer.

Dietmar Lietz spricht die Schüler ganz persönlich an: „Selbstverteidigung beginnt im Kopf. Täter suchen Opfer und keine Gegner“. Und dann spielt er ihnen zwei Personen vor, einen Schüchternen und einen Selbstbewussten. Ganz deutlich können die Schüler die beiden benennen und sie wissen auch, warum der eine ihnen schwach vorkommt. „Der spricht so leise“, sagt ein Schüler. „Er hat die Füße so über Kreuz“, ist einer Schülerin aufgefallen.

Und dann dürfen die Teenager selbst agieren, sich und das, was sie gut können, sollen sie vorstellen mit ihrem Namen und Spitznamen. „Ich bin Kim Kartoffel, ich reite gern, spiele Golf und turne im Turnverein“, erklärt eines der Mädchen.

Anna Apfel kann gut Einrad fahren und alle Schüler klatschen. Der ein oder andere vergisst es anfänglich. „Ab zu  den  Liegestützen“, kommandiert  Lietz, der auch ganz  entschieden dazwischen geht, wenn es einmal zu laut wird. Er fordert Respekt für jeden einzelnen Schüler und dazu gehört auch zuzuhören.

Wenn Du etwas nicht machen willst, dann sollst Du Nein sagen

Und zum Nein-Sagen ermutigt er: „Wenn Du etwas nicht machen willst, dann kannst und sollst Du Nein sagen“. Und er verteidigt den Nein-Sager auch gegen den Gruppenzwang. Der kommt zum Tragen bei der Mutprobe. Zwei dicke Gymnastikmatten hat der Trainer in die Turnhalle geschoben, auf eine legen sich vier Schüler, die andere Matte stemmt der Rest der Klasse über die Liegenden.

Bei drei lassen wir fallen“, kommandiert Lietz und fragt vorsichtshalber die Liegenden, ob sie auch wirklich die Matte auf sich fallen lassen wollen. Die wollen und kichern hinterher kräftig, ebenso kräftig ist der Applaus, den sie für ihren Mut erhalten.

Klassenlehrer Wolfgang Sahm ist die ganze Zeit dabei, auch beim gemeinsamen Mittagessen. Die Klassengemeinschaft stärken, das ist auch eines der Ziele dieses ganztägigen Seminars.

Als Schule haben wir heute nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag“, erklärt Sahm. Die Gewalt nehme zu, vor allem bilde sie im Internet auch ganz neue verbale Formen aus.

Alle drei sechsten Klassen der Förderstufe kommen in dieser Woche in den Genuss, dieses Training zu absolvieren. Gewaltpräventionstraining scheint dabei ein wenig zu kurz gegriffen.

Entscheidend ist für Trainer Lietz, die Stärkung des Selbstvertrauens der einzelnen Schüler und der ganzen Klasse.   „Steh zu Dir“, sagt er. Einem Mädchen, dass seine Vorlieben eher schüchtern als selbstbewusst vorgetragen hat, gibt er mit auf den Weg: „Für manchen ist das ganz schwierig vor der ganzen Klasse zu stehen und zu reden. Das ist auch in Ordnung so und du hast das ganz toll gemacht.“

Kommentare