Prozess um gefährliches Haustürgeschäft

Von Teerkolonne reingelegt

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Für mangelhaft ausgeführte Teerarbeiten verlangte die Bande viel Geld.

Dieburg/Groß-Zimmern - Gänzlich wertlose Arbeiten einer sogenannten Teerkolonne hat unter anderem ein Groß-Zimmerner Unternehmer bei der Polizei angezeigt. Am Mittwoch wurde der Fall vor dem Dieburger Amtsgericht verhandelt. Das Urteil: 22 Monate auf Bewährung. Von Konstanze Löw 

„Ich wurde über den Tisch gezogen“, erklärt der Zimmener Unternehmer am Mittwochvormittag dem Vorsitzenden Richter Dr. Benjamin Laux. Damit meint der Selbstständige, der einen Betrieb in der Röntgenstraße führt, das, was ihm am 11. April vergangenen Jahres passiert ist: Gegen Nachmittag habe ein Mitarbeiter einer sogenannten Teerkolonne das Firmengrundstück betreten und angeboten, den Hof zu einem Preis von 35 Euro pro Quadratmeter zu teeren. Der Angeklagte begründete den unangemeldeten Besuch damit, dass er noch Teer von einer Baustelle eines anderen Betriebs in der Groß-Zimmener Waldstraße übrighabe. „Das Angebot kam mir gelegen, denn der Teer im Hof hatte Risse, außerdem war es ein guter Preis. Da ich die Firma, von der die Reste angeblich stammten, kenne, dachte ich, dass das ein Qualitätsmerkmal ist“, erklärte der Zeuge. Der angeklagte Brite, William James M., habe den Unternehmer zu einer schnellen Entscheidung aufgefordert, da der Teer noch warm und schnell aufzubringen sei.

Nachdem die ersten Arbeiten – ausgeführt von drei Männern – anliefen, forderte der 29-jährige Angeklagte mit einem weiteren Mitarbeiter eine erste Anzahlung von dem Groß-Zimmerner. „Sie kamen in mein Büro, wollten Geld, obwohl wir Zahlung auf Rechnung ausgemacht hatten“, erinnert sich der Zeuge. Dort sei er von den Männern professionell unter Druck gesetzt worden. Sie erklärten ihre Arbeit erst fortzusetzen, wenn eine Anzahlung geleistet wurde. Da der für die täglichen Arbeiten dringend benötigte Hof nicht befahrbar war, entschied er sich dazu, Geld von der Bank abzuheben und händigte schließlich 3 700 Euro in bar aus. Danach haben die Männer, so der Zeuge, noch etwa 45 Minuten weitergearbeitet, bis sie die Baustelle unter dem Vorwand, neues Material zu besorgen, verließen – ohne jemals wiederzukommen.

Was der Selbstständige am Ende des Tages sah, machte ihn stutzig: „Wir haben Teerarbeiten vereinbart, ich habe jedoch eine Klebeschicht und Split bekommen. Den Rollsplit konnte ich mit dem Fuß zur Seite schieben. Unter der angegebenen Nummer war niemand erreichbar“, schilderte der 36-Jährige, der den Angeklagten im Gerichtssaal als Teil der Teerkolonne zweifellos identifizieren konnte.

So oder so ähnlich wie im Zimmerner Fall ging es auch drei weiteren Geschädigten aus dem mittelfränkischen Gunzenhausen. Auch hier haben die Briten – wobei nur der Angeklagte durch eine Polizeikontrolle ermittelt werden konnte – bei Haustürgeschäften im November vergangenen Jahres zugeschlagen. Nach dem selben Prinzip: Mündliche Verträge wurden abgeschlossen, dann mit herbeigerufenen Bandenmitgliedern mit den Teerarbeiten begonnen, eine Teilzahlung auf den Werklohn – unter Aufbau von Druck – wurde eingefordert und dann verließ die Bande unter einem Vorwand die Baustelle, ohne die ohnehin mangelhaft ausgeführten Arbeit zu beenden.

Bei einem der vier Fälle in Gunzenhausen blieb es allerdings bei dem Betrugsversuch, da der Landwirt für die wertlose Leistung nicht zahlen wollte. „Für mich war klar, dass die dafür kein Geld bekommen. Ich habe mich gefragt, wie ich die Arbeiter vom Hof bekomme und habe mit der Polizei gedroht“, erklärte der Zeuge, der wie alle anderen bayerischen Opfer für den Prozess nach Dieburg gereist ist.

Staatsanwalt: Obdachloser hätte qualvoll verbrennen können

Auch eine 61-jährige Gastwirtin aus Gunzenhausen erkannte den Angeklagten vor Gericht wieder. In allen drei bayerischen Fällen gaben die Betrüger an, Restteer von einer nahegelegenen Baustelle einer Bundessstraße übrig zu haben, um den Anschein zu erwecken, sie seien vom Staat engagiert. Von den 16.000 Euro, die die Briten in den drei funktionierenden Fällen einnahmen, entfiel auf die Gastwirtin der größte Part. „Da ich unter Druck gesetzt wurde, habe ich 7000 Euro bezahlt. Schon wenige Stunden später zeigte sich, dass die Arbeit vollkommen wertlos war, der Split löste sich“, erinnert sie sich. Der Angeklagte, der seit seiner Verhaftung in der JVA Weiterstadt saß, machte zu den Vorwürfen keine Angaben, sprach während des tagesfüllenden Prozesses kein Wort. Eine Dolmetscherin übersetzte ins Englische, obwohl alle Geschädigten angaben, dass der Angeklagte stets deutsch mit ihnen sprach. Seine drei Verteidiger redeten dafür umso mehr, kitzelten aus den Zeugen jedes Details heraus, das zur Entlastung und zum Freispruch für den 29-jährigen führen könnte.

Staatsanwalt Nico Kalb forderte in seinem Schlussplädoyer eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten für den gewerbsmäßigen Betrug in allen Fällen. Richter Dr. Laux verhängte dann am Mittwochnachmittag wegen Betrugs in besonders schwerem eine Strafe von 22 Monaten, die er auf Bewährung aussetzte. Bis Ende 2018 muss der Brite den Geschädigten 9 500 Euro Schadenswiedergutmachung zahlen, davon erhält der Groß-Zimmerner Unternehmer 2 500 Euro. „Es bestehen keine Zweifel, dass der Täter mit seiner Bande mitnichten fachkundige Asphaltierungen durchführte und die Geschädigten mittels Kaltakquise zu unüberlegten Entscheidungen brachte.“

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