Mit TT Rokal begann das Eisenbahnfieber

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Jedes Detail ist wichtig wie auch hier bei dem kleinen Stellwerk.

Groß-Zimmern ‐ „Schade, dass man in Ihrer Zeitung keine Geräusche abbilden kann“, bedauert Karl Kautzschmann und lacht dabei herzlich. Die dicke Zigarre, die er lässig im Mundwinkel hält, stört dabei nicht. Von Jens Dörr

Schade, in der Tat: Denn was sich in der Hobbywerkstatt in der Zimmerner Lebrechtstraße gerade vor den Augen – pardon: in den Ohren – abspielt, das hätte wahrlich eine Veröffentlichung verdient: Wenn man die Augen schließt und sich auf das Gehör konzentriert, wähnt man sich an einem Bahnhof. Dort hat eben der Zug angehalten, Kohlen werden geschippt. Die Augen wieder geöffnet, präsentiert Kautzschmann des Rätsels Lösung: ein etwa fingernagelgroßer Chip, auf dem der Sound gespeichert ist. „Da gibt es die dollsten Dinger, die Sie an Geräuschen kaufen und in die Loks einbauen können“, sagt Kautzschmann begeistert.

40 Zugmaschinen, 60 Waggons - alles Eigenbau

Karl und Udo Kautzschmann mit einer südafrikanischen Lok, eines der wertvollsten ihrer Modelle.

Noch viel dollere Dinger stehen in dem 22 Quadratmeter großen Raum in der Lebrechtstraße, wo der 73-Jährige und häufig auch sein Sohn Udo (44) ihrem großen Hobby nachgehen: Dem Bau von Modelllokomotiven und natürlich auch der zugehörigen Waggons. „Fast alle Loks hier sind Eigenbau, Marke Kautzschmann“, sagt der Groß-Zimmerner. Rund 40 Zugmaschinen und 60 Waggons – ganz exakt kann das weder Vater noch Sohn benennen – stehen hier herum oder besser gesagt: sind liebevoll auf den Schienen arrangiert. Noch mehr, so scheint es, passen kaum hinein. Dennoch werkeln Karl und Udo Kautzschmann schon an einem nächsten Fahrzeug. In diesen Tagen allerdings verlassen fast alle Lokomotiven und Waggons die Werkstatt und begeben sich auf Reisen: Am Wochenende werden sie im Rahmen des Weihnachtsmarktes im „Glöckelchen“ ausgestellt, nebst Modellhäusern von Hans-Peter Weimer. „Zwei, drei lassen wir hier“, sagt Udo Kautzschmann. Ein Zug des Herstellers Märklin hat das Tüftler-Domizil bereits verlassen – er schmückt aktuell das Schaufenster der Bäckerei Nennhuber, vorweihnachtlich beladen mit Plätzchen. „Besonders Kinder achten auf Details bei den Zügen“, sagt der Hobbybastler. Tausendundeine Geschichten kann der 73-Jährige von Modelleisenbahnen erzählen, dabei drückt er sich immer präzise aus, ohne dass die Fakten den Unterhaltungswert stören würden. „Die Kleinen bemerken zum Beispiel die winzigen Personen in den Waggons oder Lichter, die in den Abteilen glimmen“, erzählt Kautzschmann.

1972 verschlug es Kautzschmann nach Zimmern

Bevor es an die Feinarbeit geht, steht aber die Vorarbeit rund um den Motorblock und das Gehäuse an. Aluminium und Kunststoff sind die vorwiegenden Materialien, die der ehemalige Fliesenleger und Weißbinder verwendet. „Materialien, mit denen ich von Berufswegen eigentlich weniger zu tun hatte.“ Auch Polsterer ist Kautzschmann einmal gewesen. 1955 ist er aus Ostdeutschland nach Langen gekommen. „Ich haben dann einfach vergessen zurückzugehen“, sagt der bärtige Bastler verschmitzt. In Gravenbruch und Reinheim wohnte er später, ehe es ihn 1972 nach Groß-Zimmern verschlug.

Die Ausstellung im Glöckelchen ist im Rahmen des Weihnachtsmarkts am Samstag, 28. November, von 14 bis 18 Uhr und am Sonntag (29.) von 11 bis 18 Uhr geöffnet; der Eintritt ist frei. Im Foyer bietet der Glöckelchenverein „Zimmerner Saches“ an.

Die erste eigene Modelleisenbahn hielt er 1962 in den Händen, eine TT Rokal. 1975 ging es dann richtig los, damals mit einer größeren Garteneisenbahn. Laufend erweiterte er sein Reich mit Häusern, Tunnels und Brücken, inzwischen beschäftigen sich sein Sohn und er mit G-Modellen (Spur 1) im Maßstab von 1:22,5. Zwei Monate Arbeit für den Bau einer Lok seien gar nichts, die teuerste Zugmaschine in seiner Werkstatt habe einen Wert von rund 5 000 Euro. „Wobei die wesentlich mehr kosten würde, wenn Sie die kaufen.“ Die Arbeitszeit könnte man nämlich gar nicht rechnen. Ein recht großes Vermögen steckt also in dem Raum – und in den beiden Kautzschmännern ein ebenso großer Erfahrungsschatz: „Natürlich gehen auch viele Sachen erstmal schief“, erzählt der Sohn. Dann packt die beiden aber nur der Ehrgeiz – der Vater sitzt oft nachts bis drei und sechs Uhr in der Werkstatt. Auf die Frage, wie er den Abschluss eines Projekts feiere und ob er ein Ritual wie eine Jungfernfahrt habe, antwortet der 73-Jährige wie aus der Pistole geschossen: „Da gibt es keine Feier. Vielmehr denke ich dann schon wieder an die nächste Lok.“

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