„... und das ist erst der Auftakt“

Kanalsanierung sorgt für Kundeneinbruch in Geschäften

Mahmoud Khabbaz hat bei Cansu Hair & Beauty gut zu frisieren: Das Geschäft liegt am Rande.
+
Mahmoud Khabbaz hat bei Cansu Hair & Beauty gut zu frisieren: Das Geschäft liegt am Rande.

Die Kanalisation in Groß-Zimmern bei Darmstadt muss erneuert werden. Denn sie hat großen Einfluss auf die lokalen Geschäfte.

Groß-Zimmern – Einig sind sich alle darin, dass – wenn sie denn alt und defekt ist – die Kanalisation in der Ortsdurchfahrt erneuert werden muss; auch wenn dies eine Vollsperrung der Hauptstraße bedeutet. Und einig sind sich die am seit 23. August betroffenen ersten Straßenzug anliegenden Geschäftsleute, dass dies nicht nur ins Geld der Steuerzahler geht, sondern auch das Geschäft insgesamt schmälert. Dies allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

Der erste Laden am von den Bauarbeiten betroffenen Teilstück in der Bertha-von-Suttner-Straße 13, ein Döner, spürt nichts von den derzeitigen Unbilden, er wurde bereits vor der Kanalsanierung von den Betreibern geschlossen. Schon mehrere Betreiber versuchten sich am Standort vergebens um Umsatz mit Pizza, Hähnchen, Dürüm, Lahmacun oder Pide.

Simone Tanneberger vor ihrem Textilgeschäft, für das die Baustelle zur Unzeit kommt.

Groß-Zimmern bei Darmstadt: „Obwohl wir wissen, kommt die Baustelle für uns zu Unzeit“

Anders bei Pegasus Mens-wear in der Hausnummer 9. Hier betreibt Simone Tanneberger mit ihrem Mann seit 1993 ein Geschäft für Textilveredelung und Verkauf aller Art von Bekleidung. Und eigentlich ist sie über die langen Jahre sehr zufrieden mit dem Standort, der ideal für ihre Klientel – immerhin rund 70 Prozent Auswärtige – liegt. Doch dann kam Corona, und der lange Lockdown beutelte das Geschäft. „Obwohl wir wissen, es muss sein, kommt die Baustelle mit ihrer Vollsperrung für uns zu Unzeit“, sagt die Geschäftsfrau. Bis Ende Oktober dürfe sie nicht auf Laufkundschaft hoffen, sagt sie. Und ist froh um ihre Stammkundschaft, die schon mal anruft, nach den Öffnungszeiten und dem Warenangebot fragt. „Es wird hoffentlich gut werden“, fleht die Kauffrau.

Ihr Nachbar Faruk Tayar, der seit 1992 in Hausnummer 7 einen Schuh- und Schlüsseldienst betreibt, hofft mit. Er wie die anderen Nachbarn waren bei der Anliegerversammlung, zu der die Gemeinde eingeladen hatte. „Es ist nötig. Aber zügig sollte es gehen“, sagt Tayar, der derzeit vergebens nach Laufkundschaft für Schuhreparaturen Ausschau hält. „Stammkunden kommen, aber auch weniger“, klagt er. Wenn der erste Bauabschnitt Ende Oktober beendet sein wird, hofft er auf höhere Frequenz, dann können auch direkt vor dem Laden wieder Autos parken, und es wird der benachbarte, jetzt gesperrte Kreisel an der Waldstraße wieder geöffnet sein.

Groß-Zimmern (Kreis Darmstadt-Dieburg): „Uns stört die Baustelle bislang wenig“

„Uns stört die Baustelle bislang wenig“, sagt indes Friseurin Cennet Zeyrek von Cansu Hair & Beauty in der Bertha-von-Suttner-Straße 3. Die Stammkundschaft sei treu, und bislang komme auch noch Laufkundschaft. Einzig: „Die Kunden mit Terminen kommen fast ausnahmslos später als vereinbart. Die meisten suchen länger nach einem Parkplatz und brauchen dann Zeit, bis sie hergelaufen sind.“

Faruk Tayar verzeichnet in seinem Schuh- und Schlüsseldienst derzeit der Baustelle wegen erheblich weniger Laufkundschaft.

Der Haarsalon wie auch Nachbar Bäcker Bauder profitieren noch davon, am Ende der voll gesperrten Straße zu liegen. Die Verkäufer beim Bäcker sehen so auch zunächst noch wenig Rückgang an Kundschaft. Und das Stehcafé im Bäckerladen hat durch die Pandemie bedingt erst seit kurzen wieder geöffnet und leidet deshalb noch unter geringem Besuch.

Der Baldachin über der Bertha-von-Suttner-Straße mag über der Ladenzeile die Sonne abschirmen, der Lärm und fehlende Parkplätze jedenfalls vergraulen die Kundschaft derzeit nachhaltig.

Ganz anders liegt die Sachlage für die Bäckereifiliale von Uwe Schellhaas, die in Hausnummer 11 genau vor den riesigen röhrenden und Staub aufwirbelnden Baggern liegt. Einen massiven Einbruch beklagt Chef Uwe Schellhaas aus Groß-Bieberau in dieser seiner Filialen, deren Betrieb sich seit 23. August nicht mehr rechne. Einzig samstags sei es nicht ganz so schlimm mit dem Umsatzeinbruch. Seine von 5 bis 11.30 Uhr geöffnete Bäckerei lebt von vorbeifahrenden Handwerkern in den Morgenstunden, die normalerweise direkt vorm Geschäft halten können, rausspringen, einkaufen und wieder wegfahren. Diese Kundschaft ist abgeschnitten vom Laden.

Kanalisation in Groß-Zimmern bei Darmstadt: „So lässt sich nicht kostendeckend arbeiten“

Und Schellhaas untermauert es mit Zahlen: Am Montag, 2. August, verzeichnet er in der Zeit von 5 bis 8 Uhr – der Hauptgeschäftszeit für die Zimmerner Filiale – trotz Ferienzeit 104 Kassenbons. Am Montag, 30. August, nach eingerichteter Baustelle, waren es im gleichen Zeitraum 42 Kassenbons. Und am vergangenen Montag, 6. September, 61. „So lässt sich nicht kostendeckend arbeiten“, lautet des Backchefs Fazit.

Brot wird immer verkauft, doch der Standort bestimmt, wie viele Laibe pro Tag. Bei Bäcker Bauder, am Rand der Baustelle gelegen, läuft der Verkauf noch gut.

Schlimm: „Auch wenn die Baustelle wieder abgebaut sein wird, kommen die Kunden nicht gleich wieder. Die gesamte Kundenzahl von vorher zu erreichen, dauert Jahre, wenn sie überhaupt noch mal zu erlangen ist“, weiß Schellhaas. Und schlimmer geht immer: „Das hier ist ja jetzt erst der Auftakt. Wenn der Kanal saniert ist, kommt irgendwann das gleiche böse Spiel nochmals, wenn die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt in Angriff genommen wird.“ (Thomas Meier)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare