Pilotprojekt auf Groß-Zimmerner Straßen / Probleme mit dem Schulterblick

Verkehrsschule für Senioren

Offenbach-Post

Groß-Zimmern - Es ist kurz nach 16 Uhr am Mittwoch: In den Kreisel Waldstraße/Bertha-von-Suttner-Straße rollt im Feierabendverkehr fast jede Sekunde ein Auto.

Wer nicht unbedingt irgendwo hin muss, der s sollte bei so viel Blech lieber zu Hause bleiben. dennoch schwingen sich gerade jetzt fünf ältere Damen aufs Fahrrad, um mit Polizeihauptkommissar Ralf Drexelius von der Jugendverkehrsschule Dieburg (JVS) etwas über die Gefahren im Straßenverkehr zu lernen.

Die fortschrittliche Idee mit Blick auf die immer älter werdende Gesellschaft kam jüngst vom Büro für Senioren und Sozialplanung (wir berichteten) und wurde zur Umsetzung an das MehrGenerationenHaus (MGH) und die JVS herangetragen. Nach einer theoretischen Einführung stand am Mittwoch die Praxis an.

„Das ist heute eine Hessen- wenn nicht sogar Deutschlandpremiere. Ich habe bisher noch nicht von einer ähnlichen Aktion gehört“, schwärmt Drexelius über diesen Anstoß, der ihm als Novum Senioren anstatt wie sonst üblich Kinder als Schützlinge beschert. „Es ist ein Pilotprojekt. Wir dokumentieren die Sache, damit sie auch noch andere Kommunen im Kreis übernehmen können“, erzählt Angelika Seidler vom MGH.

Bevor es losgeht werden an alle Helme verteilt. Die fünf Damen, die mitfahren wollen, sind vor dem Start die Ruhe selbst: Alle fahren fast täglich Rad, zwei auch noch Auto. Jede sieht sich als erfahrene Straßenverkehrsteilnehmerin. „Ich will mich heute selbst testen, ob ich alles richtig mache“, sagt Marianne Wiegand (71). In der nächsten halben Stunde soll jede aus der Gruppe einmal vorne weg fahren und dabei unter besonderer Beobachtung von Drexelius stehen. Schon nach zwei Minuten ergibt sich an der Kreuzung Heimstätten-/Dieburger Straße die erste brenzlige Situation: Die vorausfahrende Dame nimmt einem von rechts kommenden Auto die Vorfahrt. Die Situation bleibt nur deshalb ungefährlich, weil das Auto Schritttempo fährt und ohne Probleme abbremsen kann. „Sie sind ziemlich zügig unterwegs“, bilanziert der Polizist nicht nur in diesem Fall, dass immer wieder sehr schnell und mutig in Vorfahrtsstraßen eingebogen wird. Wenig später überholen sich im Stop-and-Go vor der Kreiseleinfahrt ein LkW und eine Seniorin im Wechsel. „Der Spiegel war eben ganz knapp an ihrem Kopf. Lieber hinter dem LKW bleiben“, rät der Experte. Der ärgert sich wenige Minuten später, dass er auf der Darmstädter Straße keine Videokamera für einen Lehrfilm dabei hat. Beim Linksabbiegen schafft es eine Teilnehmerin aufgrund der Verkehrskolonne nicht, sich rechtzeitig in der Fahrbahnmitte einzuordnen. Sie springt vom Rad und das auf die Fahrbahnseite. Ein Auto bremst ab und fährt mit einem rasanten Schlenker haarscharf an ihr vorbei. „Sie hat jetzt selber gar nicht gesehen, wie knapp und gefährlich es war. Das sind genau diese alltäglichen Situationen.

Aber genau deshalb machen wir ja heute die Übung“, sagt Drexelius. In der Einzelkritik erhalten alle Teilnehmerinnen Infos über ihre Fahrt sowie aufgetretene Gefahrenmomente. Dazu werden Verkehrsschilder und Regeln erklärt wie das Radfahren in der Einbahnstraße oder „rechts-vor-links“ in der Spielstraße. „Manchmal sind Schieben oder der Weg über die Fußgängerampel sicherer“, lautet ein Tipp.

Bei einer anderen mahnt Drexelius an, immer darauf zu achten, „was hinter mir los ist.“ Nach 35 Minuten Fahrt durchs Verkehrsgewühl ist die Gruppe wieder am Ausgangspunkt.

Die Frage an Drexelius, welchen Unterschied er zwischen Kindern und Senioren im Verkehr festgestellt hat, ist Pflicht und bringt überraschende Antworten.

Er habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder in der Regel noch vorsichtiger unterwegs sind als ältere Menschen und lieber einmal mehr anhalten.

„Viele Senioren haben sich über die Jahre Verhaltensmuster angewöhnt, die einfach drin und nur schwer zu revidieren sind.“ Eine unverkennbare Alterserscheinung ist für den Polizisten die Tatsache, dass motorische Probleme die Senioren besonders in ihrem Schulterblick einschränken. „Im Regelwerk kennen sie sich aber im Großen und Ganzen sehr gut aus.“ Wie Drexelius sagt, hoffe er, dass das nicht die letzte Aktion in dieser Richtung war.

Angelika Seidler kündigt bereits an, dass auch schon die nächsten zwei Aktionen geplant sind: Nach dem Schwerpunkt Fahrrad soll es demnächst eine ähnliche Aktion für Fußgänger geben, bevor man in Kooperation mit einer lokalen Fahrschule das Thema „Autofahren im Alter“ angehen will.

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