Vermüllte Städte, vermüllte Landschaften

„Verursacher sofort zur Rede stellen“

+
Henriette Himmelreich kann den Abfall am Straßenrand nicht mehr sehen. Hier steht sie angewidert am Fußgängerweg zu den Einkaufsmärkten Toom und Kaufland, wo sich eine hohe Ansammlung von Müll befindet.

Groß-Zimmern - Vor kurzem ist Henriette Himmelreich der Kragen geplatzt. Schon immer ärgern sie die Müllablagerungen an der Straße. Von Ulrike Bernauer

Täglich fährt sie von ihrem Wohnort in Klein-Zimmern nach Dieburg und der Dreck am Straßenrand oder in den Feldern, wo der Wind vieles hinweht, ist ihr ein Dorn im Auge. Kürzlich griff sie zur Selbsthilfe und beseitigte über 60 Weinflaschen, die an der Straße zwischen Klein-Zimmern und dem Birkenhof lagen.

„Es waren nur drei Marken. Da hat also jemand gezielt - aus welchen Gründen auch immer - das Zeug kartonweise in die Landschaft geschmissen.“

Die 53-jährige Psychoanalytikerin findet die Natur um Klein-Zimmern wunderschön. „Ich finde es aber grauenvoll, wenn ich mich durch diesen Müll bewege. Glasflaschen gehören nicht auf den Acker und insgesamt Müll nicht auf landwirtschaftliche Flächen. Das ist unsere Umwelt, auf die müssen wir doch aufpassen“, betont sie und ergänzt: „Das war meine erste Tat in dieser Richtung, aber wenn es mich demnächst wieder so ärgert, dann werde ich wieder zur Tat schreiten.“ Himmelreich richtet keinen allgemeinenAppell an die Zeitgenossen, die - wo immer sie stehen, gehen oder fahren - ihren Abfall hinterlassen. „Man muss sie direkt ansprechen und sollte dieses Verhalten unter Strafe stellen. In Frankfurt hat das etwas bewirkt. Als jede weggeworfene Zigarettenkippe anfing, Geld zu kosten und Ordnungspolizisten durch die Straßen gingen, war eine deutliche Veränderung erkennbar.“

Städte und Gemeinden kämpfen ebenfalls

Nicht nur Himmelreichs ästhetisches Empfinden leidet, besonders jetzt, wo durch die fehlende Vegetation der Abfall gut sichtbar ist. Die Städte und Gemeinden kämpfen ebenfalls mit der Verschandelung von Straßen und Plätze. Auf etwa 80 Wochenstunden beziffert Markus Römermann von der Gemeinde Groß-Zimmern den wöchentlichen Arbeitsaufwand für die Müllbeseitigung. Das bedeutet, dass zwei Mitarbeiter des Bauhofs nichts anderes tun, als Eimer leeren, Containerplätze in Ordnung halten, Bushaltestellen säubern und den weggeworfenen Abfall auflesen.

Die Gemeinde will dem wilden Müllaufkommen begegnen und hat die Aktion „Zimmern glänzt“ ins Leben gerufen. Mit viel Fantasie will Koordinatorin Astrid Geiß für eine saubere Gemeinde sorgen. „Wir wollen die Bevölkerung mit verschiedenen Aktionen auf die Problematik aufmerksam machen“, so Geiß. Auch sie spricht inzwischen überaus freundlich Zeitgenossen an, denen ein Bonbonpapier oder ein Taschentuch aus der Tasche „gefallen“ ist. Sie wünscht sich auch von anderen Bürgern diese Zivilcourage und erhofft sich noch viele gute Ideen, die helfen, das Bewusstsein zu schärfen.

Das hohe Aufkommen senken

Auch die Nachbargemeinde Dieburg kämpft mit dem Problem. Hier hat man die zweifelhafte Ehre, zu den drei Gemeinden im Landkreis zu gehören, in denen am meisten Müll pro Kopf anfällt. Spitzenreiter ist mit 12 Kilo Roßdorf, Messel kommt auf 7,6 Kilo und Dieburg auf fast sechs Kilo.

Wolfgang Dörr, Fachbereichsleiter für öffentliche Einrichtungen, muss sich mit dem Abfallproblem auseinandersetzen. Regelmäßig werde die Stadt vom Zweckverband Abfall- und Wertstoffeinsammlung (ZAW) aufgefordert, das hohe Aufkommen zu senken. Doch wie das geschehen kann, dafür hat auch der ZAW keine Lösung.

„In anderen Gemeinden wurden schon die Papierkörbe beseitigt, weil man immer mehr beobachten kann, dass Bürger ihren Hausmüll verpackt in Plastiktüten darin entsorgen. Der Müll wurde trotzdem dort entsorgt, dann eben ohne Müllkorb“, so die Erfahrung des Dieburgers.

Containerplätze sind ein Problem

Auch die Containerplätze sind ein Problem, dort werden gerne Materialien entsorgt, die da eigentlich nichts zu suchen haben. Deshalb habe man in Dieburg den Containerplatz am Schwimmbad abgebaut, weil er offensichtlich zum Abladen von Sperrmüll einlud. „Wir werden jetzt besonders die Containerplätze besser einsehbar gestalten und hoffen, dass das so manchen Zeitgenossen vielleicht abschreckt“,berichtet Dörr.

Die Klein-Zimmernerin Himmelreich macht sich aber nicht nur um die unmittelbare Umgebung Sorgen. Besonders der Plastikmüll sei eine Gefahr. Vom Wind wird er häufig in Bäche getragen, über die Flüsse wandert er dann ins Meer. Dort befinden sich nach Angaben des Naturschutzbundes (NABU) auf einem Quadratkilometer der Wasseroberfläche inzwischen bis zu 18 000 Plastikteile unterschiedlicher Größe. Mitunter vereinen sie sich zu gigantischen Müllteppichen, der bekannteste ist wohl der Great Pacific Garbage Patch im Nordpazifik, der inzwischen die Größe Mitteleuropas erreicht hat.

Der Müll im Meer ist eine Gefahr für die Tierwelt, so verhungern inzwischen Seevögel mit vollem Magen, Plastik verstopft den Verdauungsapparat.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare