Von 1897

Die erste farbgedruckte Postkarte aus Zimmern

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1897 mussten Postkarten noch vorne beschrieben werden. Auf dieser Karte schreibt eine Frau einer anderen Person, dass sie jemanden kennengelernt hat. Frankiert wurde die Karte auf der Rückseite.

Helmut Kriha hat die wohl erste in Farbe gedruckte Postkarte aus Zimmern ersteigert. Im Gespräch erläutert er geschichtliche Hintergründe der Ansichtskarte – und verrät, warum er einen ganz persönlichen Bezug zum Bahnhof hat. Von Fabian Sell

Herr Kriha, was ist das Besondere an der Ansichtskarte?

Die Karte wurde 1897 verschickt und war damit in Groß-Zimmern meines Wissens nach die erste farbgedruckte Postkarte. Als die Karte gedruckt worden ist, war die Farblitographie eine ganz neue Technik.

Was können Sie zur Entstehungsgeschichte der Karte sagen?

Der damalige Eigentümer des Rheingolds, Heinrich Wechsler, hat sie als Werbemaßnahme für die Weinstube „Rheingold“ in Auftrag gegeben. Anlass war, dass Zimmern im Jahr 1896 an das Bahnnetz angeschlossen wurde. Das „Rheingold“ lag schräg gegenüber des Bahnhofsgebäudes in der Reinheimer Straße - und damit in der Nähe des Bahnhofs. Um zu versinnbildlichen, dass Reisende die Weinstube vom Bahnhof aus schnell erreichen können, wurde es auf der Postkarte seitlich vergrößert dargestellt. Allerdings hat Wechsler das Lokal bereits um die Jahrhundertwende an die Familie Hoffmann verkauft. Die bewirtschaftete es bis 1915 selbst. Danach kam es in die Hände verschiedener Pächter.

Wie war das Rheingold damals aufgebaut?

Es bestand aus drei Gebäuden. Im Vorderen befand sich unten rechts die Weinstube und links waren Wohnräume. Darüber, hinter dem rechten Zwillingsfenster, wohnte der Wirt. Im mittleren Teil waren die Waschküche und Dachkammern für die Bedienungen. Hinten gab es das Sälchen (im Bild links ). Das war ein Raum für Familienfeiern und Veranstaltungen. Unter anderem verkehrten dort Geflügelhändler. Die hatten am Bahnhof eine Ladestation. Wenn die Geschäfte gut liefen, waren sie im Rheingold und haben getrunken. Das hat mir Wilhelm Hoffmann erzählt, der Enkel des ersten Wirtes der Familie.

Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Zimmerner Bahnhof und der Karte?

Ja, ich bin im Bahnhofshäuschen geboren. Wir waren Kriegsflüchtlinge. Mein Vater war bei der Bahn in Zimmern als Fahrdienstleiter angestellt und wir wohnten anfangs dort in der Dachwohnung. Der Bahnhof war für mich ein riesiger Spielplatz.

Das Rheingold haben Sie aber nicht mehr gesehen.

Nein, das Rheingold gab es damals nicht mehr. Es wurde bereits 1940 kriegsbedingt und wegen der Wohnungsnot eingestellt. Während des Krieges kam im Sälchen eine Gruppe des Nationalsozialistischen Fliegerkorps unter. Der Weinkeller wurde zu einem der vielen Auslagerungsorte für die von Bombardierung bedrohte Fa. Opel. Nach dem Krieg diente es als Ausweichquartier für verschiedene Firmen. Heute nutzt die Familie Hoffmann es privat. Die Gebäude stehen – vom mittleren Teil abgesehen – noch.

Der Bahnbetrieb in Groß-Zimmern wurde 1982 endgültig eingestellt. Die DADINA untersucht derzeit aber, ob die Strecke wieder aktiviert werden soll. Was halten Sie davon?

Ich hoffe, dass die Strecke nach Darmstadt reaktiviert wird. Bereits vor der Stillegung hatten wir eine Initiative gegründet - mit dem Ziel einer Straßenbahnverbindung auf dieser Trasse. Darmstadt hatte jahrzehntelang wenig Interesse daran. Erst jetzt, wo der Luisenplatz durch die vielen Busse aus dem Ostkreis an seine Kapazitätsgrenzen stößt, denkt man um. Ich befürchte aber, dass die Strecke aus Kostengründen nicht bis Groß-Zimmern gebaut wird, sondern in Roßdorf ein großer Umsteigebahnhof an der B 38 entsteht, ähnlich wie heute schon am Böllenfalltor. Diese Variante wird schon untersucht.

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