Weltbekannte Zeitzeugin zu Gast

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Jutta Fleck (Mitte) ist die „Frau vom Checkpoint Charlie“, im Bild mit Sponsorin Tabea Tschiche (Buchladen „Lesezeichen“) und Organisator Jürgen Kreisel.

Groß-Zimmern ‐ Wer am Mittwochabend Jutta Flecks ausgeglichene, entspannte Art im Gewölbekeller des Groß-Zimmerner Kulturzentrums „Glöckelchen“ beobachtete, vermochte sich kaum auszumalen, was diese starke Frau bereits durchgemacht hat in ihrem Leben. Von Jens Dörr

Nichts zu sehen überdies davon, dass die 64-Jährige inzwischen beinahe das Rentenalter erreicht hat. Die „Frau vom Checkpoint Charlie“ wirkt aufgeräumt und hat ihre persönliche Vergangenheitsbewältigung abgeschlossen. Ja, sie ist es höchstpersönlich: Jene Frau, die unter erwähntem Namen weltweit für Aufsehen sorgte – und in Westdeutschland ganz besonders. Jene Frau, die einst Jutta Gallus hieß, und deren Schicksal Millionen bewegte, am Ende sogar die Politik. Und jene Frau, die es sich heute zur Aufgabe gemacht hat, die SED-Diktatur politisch und historisch aufzuarbeiten.

„Wir sollten den Fehler nicht noch mal machen, den wir nach dem Dritten Reich gemacht haben: nämlich Dinge unter den Teppich zu kehren.“ Diesen Satz sagte nicht Fleck selbst, obwohl er sicher von ihr stammen könnte; Jürgen Kreisel sprach ihn aus, Studienrat für Politik und Wirtschaft an der Landrat-Gruber-Schule (LGS) in Dieburg. Er organisierte mit dem Göckelchen-Verein, der sich in Groß-Zimmern Kunst, Kultur und Heimatgeschichte widmet, die Veranstaltung mit der „Checkpoint“-Frau.

26 Monate Haft für gescheiterte Flucht

Rund drei Dutzend Zuhörer kamen, Zimmerner Bürger wie Oberstufenschüler aus Dieburg. Politik und Zeitgeschichte wolle man damit „spannend und greifbar vermitteln“, leitete Kreisel den Abend ein. Der gliederte sich in eine Lesung, einen Dokumentarfilm und eine Gesprächsrunde zu Flecks Geschichte auf. Zugleich geriet der Abend aber auch zu einem ganzheitlichen Exkurs in die ehemalige DDR.

Wichtige Schauplätze: DDR-Gefängnis Burg Hoheneck, Ost-West-Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie, Berliner Reichstag. In dieser Reihenfolge erlebte Fleck die Stationen der bittersten und wohl prägendsten Jahre ihres Lebens. Ihr Fall in Kurzform: DDR-Bürgerin Jutta Fleck (damals Gallus) möchte den Unrechtsstaat mit ihren beiden Töchtern, damals neun und elf Jahre alt, gen Westen verlassen. Ihre Flucht scheitert, Fleck landet im Gefängnis Burg Hoheneck, muss Verhöre erdulden, 26 Monate Haft – und vor allem die Trennung von ihren Kindern. Die dauert auch an, als der Westen sie freikauft und in die BRD holt, denn ihre Kinder müssen im Osten bleiben.

„Gebt mir meine Kinder zurück“

Flecks anschließender Kampf ist – zumindest in seiner Bekanntheit – in Deutschland bis heute einzigartig geblieben: Um gegen die Trennung von ihren beiden Töchtern und zugleich gegen das unmenschliche DDR-Regime zu protestieren, steht Fleck bis 1988 vier Jahre lang bei Wind und Wetter am Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie, Auge in Auge mit den DDR-Soldaten. Ihr Plakat fleht: „Gebt mir meine Kinder zurück!“ Ihr Protest bleibt lange ohne Wirkung, doch Fleck gibt nicht auf.

Bewegung kommt erst in den Fall, als die „Frau vom Checkpoint Charlie“ vor Presse und Politik im Berliner Reichstag, wo die Gedenkfeier zum 25. Jahrestag der Berliner Mauer stattfindet, ihren Appell nochmals besonders stark in die Öffentlichkeit trägt. Einige Monate später – die Politik hat sich des Schicksals inzwischen auf hoher Ebene angenommen – werden Fleck und ihre Töchter wieder vereint.

Seit zwei Jahren auf Tour zur Regime-Aufarbeitung

„Ich bekam immer wieder die Frage gestellt, wieso nicht öfters Zeitzeugen zur Sprache kamen, die das Regime miterlebt haben“, sagte Fleck am Mittwochabend. Auch deshalb sagte sie zu, als ihr die Hessische Landeszentrale für politische Bildung den Schwerpunkt zur SED-Aufarbeitung anbot. Seit 2009 tourt Fleck mit Lesung und Diskussion zum Thema, wird im Mai an zwei Tagen auch direkt in der LGS Dieburg sein und dort noch ausführlicher auf die gar nicht weit entfernte Historie eingehen.

Das Buch „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ schrieb sie nicht selbst, sondern Autorin Ines Veith. Mehrere Exemplare bot im „Glöckelchen“ Tabea Tschiche vom Buchladen „Lesezeichen“ an, die Sponsorin der Veranstaltung war. Im TV-Zweiteiler zum Thema, der 2007 ausgestrahlt wurde, spielt Veronica Ferres die Hauptrolle.

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