Wenn aus Wolken Spiegeleier werden

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Am Montag wurde im Demenzservicezentrum auf das einjährige Bestehen der Einrichtung angestoßen. Edda Haack (rechts) vom Trägerverband des Diakonischen Werkes dankte Nicole Novak und Martina Müller für die zahlreichen Errungenschaften im letzten Jahr.

Groß-Zimmern - „Wir haben zwei hervorragende Mütter, die partnerschaftlich sehr gut zusammen arbeiten und unser Kind großziehen“, sagte Edda Haack am Montag Abend anerkennend an die Adresse von Nicole Novak und Martina Müller. Von Michael Just

Mit den Worten der Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Darmstadt-Dieburg wurde schnell deutlich, dass der Träger des Demenzservicezentrums ein Jahr nach dem Start sehr zufrieden ist, wie sich das Modellprojekt für den Landkreis Darmstadt-Dieburg entwickelt hat.

Wie Haack berichtete, gehen beide Frauen alltagsorientiert und mit viel Kreativität die Sache an. Auf diese Weise hätten sie schon so einiges aufgebaut und zum Laufen gebracht. Genau diese Ausrichtung sei notwendig, um der Zukunftskrankheit Demenz, die in den nächsten Jahren noch in besonderer Weise unsere Gesellschaft begleiten wird, gebührend zu begegnen. Besonders positiv seien die bisher eingeführten, sogenannten „niederschwelligen“ Angebote im Landkreis, die dafür sorgen, dass die betroffenen Familien und Partner entlastet werden.

Kunst zum Thema: Die Werke von Carolus Horn bieten ausdrucksstark Einblick, wie die Demenz die Wahrnehmung des Künstlers beeinflusst.

Besonderen Dank richtete Haack an das Land Hessen, das das Zentrum finanziert und an den Landkreis, der die Sache stets sehr eng begleitet und bei allen Aufbauten geholfen hat: Zum Schluss bot Haack noch eine Zukunftsvision: „Ich hätte große Lust, in eine Demenz-WG im Landkreis einzusteigen.“ Mit dem Anstoß zu dieser betreuten Form des Wohnens machte die Geschäftsführerin deutlich, dass man sich auf den bisherigen Errungenschaften nicht auszuruhen will und gedenke, diese weiter zu forcieren. Dem Umtrunk zum einjährigen Geburtstag des Modellprojekts Demenzservicezentrum war im Otzbergring ein Vortrag von Dr. Stefan Ries vom Neuro-Centrum Odenwald vorausgegangen, der über das Krankheitsbild und den Verlauf der Demenz referierte.

Neue Kunstausstellung eröffnet

Im Anschluss wurde noch eine Kunstausstellung unter dem Titel „Wenn aus Wolken Spiegeleier werden“ eröffnet. Wer sich die verschiedenen Bilder der Rialto-Brücke in Venedig anschaut, erkennt die Ausdruckskraft des Künstlers Carolus Horn auf Anhieb: Die Farben sind kräftig, der Stil lässt Elemente des Expressionismus und stellenweise auch etwas von der Naiven Malerei entdecken. Und doch ist diese Kunst anders, denn die Bilder verdeutlichen in erster Linie den Verlauf der Alzheimer Krankheit und wie sich der fortschreitende Krankheitsprozess auf die Wahrnehmung des Betroffenen auswirkt. Die Werke stellte der Pharma-Konzern „Novartis“ zur Verfügung und mit Markus Fischer schickte man einen Firmenvertreter zur Ausstellungseröffnung, der fern von jeglichen Marketingabsichten die Bildinhalte besonders einfühlsam und packend an den Krankheitsverlauf anlehnte.

Die Ausstellung ist noch bis zum Ende der ersten Augustwoche zu sehen, während der Öffnungszeiten des Demenzservicezentrums: montags und dienstags von 10 bis 15 Uhr sowie freitags von 14 bis 18 Uhr.

Carolus Horn (1921-1992) galt schon in jungen Jahren als Wunderkind und so führte der weg später zu einer Frankfurter Werbeagentur, bei der er große Kampagnen für Opel, Coca Cola oder die Deutsche Bundesbahn entwarf und gestaltete. Nebenbei schuf er Landschaftsansichten sowie Reise- und Städtedarstellungen. Die Bilder nach seiner Alzheimer-Erkrankung sind ein bedrückender Indikator, wie sich seine Wahrnehmung immer mehr verschiebt. Größenverhältnisse und Relationen stimmen nicht mehr, stechende Gelb- und Rottöne kommen auf, die Bildtiefe und die Perspektive geht verloren, genauso wie die Feingliedrigkeit der Menschen, die wie aufgeklebte Abziehbilder wirken. Dass bestimmte Zusammenhänge nicht mehr koordiniert werden können, wird daran sichtbar, dass Kühe mit Pferdeschwänzen auftauchen, Kinder ein Greisengesicht oder einen Hundekopf erhalten und Wolken wie Spiegeleier wirken. Für Fischer sind die Gemälde nicht nur ein ergreifender Spiegel des Krankheitsbildes, sondern geben auch wertvolle Hilfe zum Umgang mit Demenzkranken.

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Die oft gestellte Sinnfrage, was solche zweifelhaften Kunstwerke eigentlich bringen, sieht Fischer nicht. Vielmehr assoziiert er damit, wie es gelingen kann, Demenzkranke zu führen, zu motivieren und letztlich auch glücklich zu machen. Wer wolle, könne die rund dreistündige Verweildauer von Horn an einem Bild auch rein aus praktischer Sicht der Pfleger und Angehörigen betrachten: „Jeder, der mit Demenzkranken zu tun hat weiß, dass es schon eine Bank ist, wenn die Betroffenen einmal über zwei oder drei Stunden beschäftigt sind.“

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