Neufassung der Überschwemmungsflächen liegt in den Rathäusern aus

Wie risikoreich ist die Gersprenz in Groß-Zimmern oder Dieburg?

Nicht erst seit der amtlichen Neufassung des Überschwemmungsgebietes der Gersprenz machen sich Anwohner des aus dem Odenwald kommenden Flusses – hier an der Klein-Zimmerner Straße – Sorgen: Was geschieht, wenn die katastrophalen Starkregenereignisse auch uns ereilen?
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Nicht erst seit der amtlichen Neufassung des Überschwemmungsgebietes der Gersprenz machen sich Anwohner des aus dem Odenwald kommenden Flusses – hier an der Klein-Zimmerner Straße – Sorgen: Was geschieht, wenn die katastrophalen Starkregenereignisse auch uns ereilen?

Was, wenn es bei uns an der Gersprenz mal so stark herunterprasselt? Diese Frage stellt sich jedem, der in den Nachrichten die Berichte verfolgt von den Schäden, die Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern pro Quadratmetern im Westen Deutschlands vor gut zwei Wochen verursachten. Berechtigt.

Groß-Zimmern/Dieburg – Nicht erst seit den jüngsten Schreckensmeldungen sind viele Behörden und Institutionen alarmiert von gravierenden Wetterschwankungen, die es so seit Menschengedenken kaum gab. Just zu den aktuellen Klimaanomalien liegt entlang der Gersprenz in allen Kommunen die „Bekanntmachung der Neufassung des Überschwemmungsgebietes der Gersprenz“ aus. Grundlage hierzu sind neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Beobachtungen sowie der „Hochwasserrisikomanagementplan für die Gersprenz“, erstellt 2015 und 156 DIN-A4-Seiten stark. Dennoch fordern einige Bürger und Politiker auch an der Gersprenz, die Hochwasserrisiken fachkundig nochmals neu bewerten zu lassen.

In Groß-Zimmern wagte sich Heinz Reitzel über unsere Zeitung bereits aus der Deckung (wir berichteten). Und in Dieburg ist es nun Lokalpolitiker Peter Löwenstein (UWD), der wegen der Hochwasserkatastrophen in Deutschland eine „kritische Überprüfung der Schutzmaßnahmen und Vorsorgepläne für Dieburg“ einfordert. Das Ziel ist, die Hochwasser- und Starkwasser-Risiken für Dieburg neu bewerten zu lassen. Viele Bürger hatten den Keller voll bei den jüngsten Regenfällen. Löwenstein sagt: „Die aktuellen Karten zu Hochwasser und die Kreis Pläne zur Gefahrenabwehr sind untauglich.“

2003 wurde für die Gersprenz, wie für viele weitere hessische Gewässer, nach Bestimmungen des Wasserhaushaltsgesetzes durch Rechtsverordnung ein Überschwemmungsgebiet festgesetzt. Es beinhaltet die Fläche, „die statistisch einmal in hundert Jahren überschwemmt wird“.

2014 erstellte das Regierungspräsidium Darmstadt aufgrund der „Europäischen Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie“ von 2007 den Hochwasserrisikomanagementplan für die Gersprenz. Der enthält nun neben Berechnungen und Kartierungen der Überschwemmungsflächen eines zehnjährlichen Hochwassers und eines Extremhochwassers ebenfalls auch das Überschwemmungsgebiet des hundertjährlichen Hochwassers (HQ 100).

Im Bauamt Groß-Zimmern liegen die dicken Akten zur Neubewertung der Gersprenz zur Einsicht, im Sitzungssaal hängt eine aufschlussreiche Übersichtskarte.

Wenn Löwenstein also jetzt fordert, die Gefahrenlage für Dieburg neu bewerten zu lassen, um so die Notwendigkeit von gemeinsamen Schutzmaßnahmen und deren konkrete Umsetzung deutlich zu machen, dürfte er eigentlich offene Türe einrennen, denn eben eine solche Neubewertung der Gefahrenlagen entlang der Gersprenz beinhaltet ja die amtliche Neufassung des Überschwemmungsgebietes.

Der Pressesprecher des Regierungspräsidiums Darmstadt, Christoph Süß, erklärt auf Nachfrage: „Da es, insbesondere im Unterlauf der Gersprenz, zu erheblichen Abweichungen zwischen den HQ-100-Flächen des Hochwasserrisikomanagementplans und dem 2003 festgesetzten Überschwemmungsgebiet gekommen ist und die Berechnungsmethoden sowie die Topographieerhebungen des Hochwasserrisikomanagementplans einen aktuelleren Stand darstellen, werden nun im laufenden Verfahren die Flächen entsprechend dem neueren Planwerk festgesetzt.“ Will heißen: Das Überschwemmungsgebiet der Gersprenz vergrößert sich an einigen Stellen, an anderen Orten fällt es kleiner aus als bisher.

Für jeden Ort entlang der 65 Kilometer langen Gersprenz gibt die Neufassung des Überschwemmungsgebietes detailliert und kartiert Auskunft, an welchen Stellen und Flussbiegungen es gefährlicher werden könnte. Einsehen darf das viele Seiten starke Werk jeder, und wie es scheint, haben die stets vorausschauenden Versicherer schon mal einen Blick hinein geworfen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft stuft laut Löwenstein beispielsweise „Dieburg eher in die hohe Gefahrenklasse als stark gefährdet durch Hochwasser ein“. Dem Verband liegen die bisherigen Schadensereignisse und eigene aktuelle Risikoberechnungen vor. Und laut Löwenstein könne der vom Landkreis beschlossene Maßnahmenplan zur Abwehr von Hochwasser durch die Gersprenz von 2008 „sicher als unzureichend bewertet werden“.

Manche Entwicklung holt auch das neueste Planwerk ein. Bis die „Bekanntmachung der Neufassung des Überschwemmungsgebietes der Gersprenz“ in allen Kommunen durch alle Instanzen gelaufen und alle Beschwerden und Anregungen zum Werk abgehandelt worden sind, dürften links und rechts der Gersprenz noch so manche Keller vollgelaufen sein. (Von Thomas Meier)

Ergänzung zum Artikel

Der Dieburger Peter Löwenstein verweist zu diesem Artikel darauf, dass die im Bericht ihm zugeschriebenen Äußerungen bis auf eine Ausnahme dem Ideenportal der Stadt Dieburg entnommen wurden. Die Stadt Dieburg habe diesen Text als seine private Idee veröffentlicht, die von 50 Einwohnern aus Dieburg innerhalb von 50 Tagen unterstützt werden sollten, bevor sich der Magistrat mit der Angelegenheit befasst.

Löwenstein verweist Interessierte dabei auf das Ideenportal, aus dem die Zitate entnommen wurden.

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