Sommerliche Fahrradtour nach St. Fargeau-Ponthierry

Wiedersehen mit alten Freunden in Frankreich

Ein Erzählbericht von Roland Zagler

Groß-Zimmern/St. Fargeau-Ponthierry - . Mittwoch, der 29. Juni 2011.

Meine Radtour, die am Rhein-Rhone-Kanal unweit von Neuenburg/Schwarzwald ihren Anfang nahm und mich bis in das weitläufige Tal der Loire mit all seinen bezaubernden Schlössern und spannenden Historien führte, neigt sich dem Ende zu. Herrliche Landschaften begleiteten mich auf meiner rund 800 Kilometer langen Radreise durch Frankreich, die ich in den letzten beiden Juniwochen unternommen habe. Die vielfältigen Eindrücke haften fest im Gedächtnis, sprudeln ab und an ungefragt hervor, um vor meinem geistigen Auge vorbeizuziehen. Jetzt, am Ende meiner Reise, bin ich angefüllt mit Bildern, einem virtuellem Fotoalbum vergleichbar. Morgen fahre ich nach Paris, von wo mich der Hochgeschwindigkeitszug TGV mitsamt Fahrrad nach Deutschland zurückbringt.

Bei bestem Reisewetter bin ich in das Herz Frankreichs vorgestoßen und stehe nun mit meinem Rad von Westen her kommend vor den Toren St. Fargeau-Ponthierrys, der Partnergemeinde von Groß-Zimmern. Ich blicke mich kurz um: Bis weit an den Horizont reichen die goldgelben Getreidefelder, die jetzt kurz vor der Ernte stehen. Die Luft flimmert, aufgeheizt von der hoch stehenden Mittagssonne. Motorengeräusche schallen von der nahegelegen Autobahn A6 herüber. Tags zuvor bin ich frühmorgens von Orleans in nördliche Richtung aufgebrochen. Über Pithiviers führte der Weg nach Malesherbes und letztlich nach Nanteau. In dem 150-Seelen-Dorf am schattigen Ufer der Essonne hoffte ich einen alten Bekannten zu treffen. Georges Godefroit oder Jo-Jo, wie er von seinen Freunden genannt wurde, war schon seit längerem von St. Fargeau-Ponthierry weggezogen. Irgendwie kam es, dass wir keinen Kontakt mehr zueinander hatten. Damals auf dem Höhepunkt der Jumelage, die 1981 begann, haben wir keinen Jahrmarkt der Vereine ausgelassen. Ich glaube, dass sich heute noch viele Groß-Zimmerner gerne an die langen Abende und Nächte im „Franzosenzelt“ erinnern. Bei Käse mit Weißbrot, bei Rotwein oder Champagner funktionierte die deutsch-französische Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg.

Meine größeren Radtouren starte ich gewöhnlich Mitte Juni, also noch zur Vorsaison, und strenggenommen war dies auch der Grund, warum ich Jo-Jo nicht zu Hause antraf. Er sei verreist, erklärte mir seine Enkelin achselzuckend. Als sie mir meine Enttäuschung ansah, bot sie mir an, ihren grand-père anzurufen. Als die Verbindung zustande kam, war die Freude groß. Natürlich ging vieles infolge meiner überschaubaren Französischkenntnisse unter, aber so hatte sich mein Abstecher nach Nanteau doch noch gelohnt. Zudem war Gelegenheit, unsere Kontaktdaten zu aktualisieren. Ich übernachtete im drei Kilometer entfernten Malesherbes und fuhr am nächsten Morgen Richtung St. Fargeau-Ponthierry.

Hier stehe ich nun. Ab und an einen bekannten Punkt erspähend, rolle ich am Ortsteil Moulignon vorbei zum Ortsschild von St. Fargeau-Ponthierry. Hier hängt die Tafel mit den Partnergemeinden. Neben der schwarz-rot-goldenen Flagge steht der Name Groß-Zimmerns. Ich verfolge die abfallende, ewig lange Hauptstraße, die im Osten wieder ansteigt, bis zu ihrem tiefsten Punkt. Dort befindet sich die Bürgermeisterei.

Der Moloch Paris fordert auch von unserer Partnergemeinde hohen Tribut. Baukräne und Bulldozer markieren den Weg zu neu entstehenden Gewerbegebieten. Lärmend quält sich der Verkehr durch den Ort nach Melun und Fontainbleau oder in umgekehrter Richtung zur vielbefahrenen Autobahn A6 nach Paris oder Orleans. Paris gibt und nimmt. Die meisten Menschen hier verdienen ihre Brötchen im Großraum der Millionenmetropole.

Die Bürgermeisterei, das Hotel de Ville, hat bis zwei Uhr geschlossen. Ich nutze die Zeit bis zum Mittagessen in einem Grill-Restaurant unweit des riesigen Gartencenters Truffaut. Danach kehre ich zurück. Am Besucherempfang stelle ich mich vor, erzähle mit meinen französisch Vokabeln den Grund meiner Anwesenheit und frage nach dem Ansprechpartner für kommunale Kulturarbeit. Madame Michele Armande, die dieses Ressort stellvertretend betreut, ist zunächst überrascht, doch dann unterhalten wir uns angeregt. Schließlich gibt sie mir eine Liste mit den aktuellen Mitgliedern des Verschwisterungskomitees und dazu einen Stadtplan.

Ich entdecke sogleich die Namen Roland Ferrari und Roland Guerra darauf. Nach kurzer Orientierung fahre ich zu Roland Ferrari. Die Überraschung und die Freude sind groß! Wir haben uns auch gleich wieder erkannt.

Dann statten wir Roland Guerra einen spontanen Besuch ab. Ich werde dort genauso herzlich empfangen. Es gibt viel zu erzählen an diesem sonnigen Nachmittag auf der Gartenterrasse.

Da wir drei ja den gleichen Vornamen haben, beschließen wir das ‚Conseil des Rolands’. Am selbigen Abend tagen wir sogleich in einem nahegelegenen indes für Touristen unauffindbaren Restaurant an einem idyllischen Uferabschnitt der Seine.

Dorthin haben mich meine beiden französischen Freunde eingeladen. Bei Speis’ und Trank erfreuen wir uns an den Geschichten und Anekdoten, die sich um die Jumelage der beiden Gemeinden ranken. Es ist erstaunlich, was unser abendlicher Plausch so an Erinnerungen zu Tage fördert. Natürlich darf da die „Tour de Kerb“, die grandiose Radtour von St. Fargeau-Ponthierry nach Groß-Zimmern zur Überbringung der „Kerbbobbe“ nicht fehlen.

Ich frage Guerra, was er sprachlich in Zimmern gelernt habe. Grinsend hebt er sein mit Loire-Wein gefülltes Trinkgefäß hoch und sagt im besten Zimm’ner-Platt: „Woigloas!“. Wir mussten alle herzlich lachen!

Vieles hat sich mittlerweile geändert. Viele, die damals aktiv waren, haben ein betagtes Alter erreicht, sind weggezogen oder verweilen nicht mehr unter uns. Die Zeit lässt sich weder aufhalten noch zurückdrehen. Nachfolgende Generationen rücken nach, gestalten neu und anders. Was bleibt ist die Erinnerung an die ereignisreiche Zeit der gelebten Partnerschaft zwischen St. Fargeau-Ponthierry und Groß-Zimmern.

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