William und Kaigo schreien auch nachts

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Die zehn Praktikanten des Berufsbilds „Eltern“ mit ihrem „Nachwuchs“ sowie den Sozialpädagoginnen Astrid Freund und Marijke Eppendorfer – van Rijn.

Groß-Zimmern - Plötzlich Eltern. . . dieses Schicksal ereilte zehn Schüler der Albert-Schweitzer-Schule (ASS). Acht junge Mütter und zwei frischgebackene Papas wiegten am Dienstag Morgen ihren Nachwuchs im Arm, Fläschchen und saubere Windeln parat. Von Ursula Friedrich

Das vermeintliche Mutter- und Vaterglück war nach einem Tag Elternschaft bereits getrübt. „William war heute Nacht drei Mal wach“, erzählte Ali. Und Schicksalsgenossin Alexandra, ebenfalls aus tiefen Träumen gerissen, konnte ihren Kaigo weder mit Schmuseeinheiten, noch durchs Füttern oder Windeln beruhigen. „Manchmal schreit er einfach, ohne Grund“, klagte die Schülerin.

Ein Glück für die vermeintlichen „Eltern“, dass die Babys, computergesteuerte Simulationspuppen, nach fünf Tagen zurück in den Schoß des Diakonischen Werks kehren. Babyzeit, darin waren sich alle Teilnehmer des Projekts „Elternpraktikum/Babybedenkzeit“ einig, sollte besser auf eine spätere Lebensphase vertagt werden.

Wie ein lebendiger Säugling

Welche Pflichten, Verantwortung und Kosten mit dem kleinen Familienglück verbunden sind, das lernten die Teilnehmer des Schulprojektes auf diese Weise hautnah. Wie ein lebendiger Säugling forderten die Simulatoren über 24 Stunden Liebe, Wärme, Nahrung und mehr ein.

Für die Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen eine Rolle mit Überraschungen. Insbesondere die kurzen Nächte hatte sich so niemand ausgemalt. Mit dem Präventionsprojekt des Diakonischen Werks Hessen-Nassau soll die Familiengründung kein abschreckendes Szenario sein. „Aber es ist wichtig, dass nach dem Schulabschluss schwanger werden nicht als vermeintlich bequeme Alternative zur Ausbildung und Arbeit angesehen wird“, so die Sozialpädagoginnen Astrid Freund und Marijke Eppendorfer-van Rijn. Ziel sei es, eine aktive Lebens- und Familienplanung bei den Jugendlichen zu initiieren.

Das sexualpädagogische Angebot der Diakonie wurde angesichts von Horrorszenarien über Teenagerschwangerschaften, Aussetzung von Neugeborenen, Misshandlung und mehr aus der Taufe gehoben.

Bedeutung von Elternschaft

Zum Unterricht gehört im fünftägigen Projekt auch ein beträchtlicher Theorieteil rund um Verhütung und Schwangerschaftsvorsorge, die Bedeutung von Elternschaft und die Finanzierung der jungen Familie.

Sechs bis acht Projekte bieten die beiden Sozialpädagoginnen jährlich im Auftrag von Kommunen, Kirchen oder Schulen an. Die Jugendlichen der Albert-Schweitzer-Schule bewarben sich um die Teilnahme, um Elternschaft hautnah erleben zu können.

Dem Gros der Schüler ist nun klar: Die Familiengründnung hat Zeit. Erst einmal sind eine solide Berufsausbildung nach dem Schulabschluss und dann der Praxiserwerb in der Planung.

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