Groß-Zimmern als Soziale Stadt mit Ziegelei, vielen engagierten Bürgern und Italienern, spart nicht nur für die neue Kirchenorgel.

Das „Wir“ wird immer wichtiger

VonGudrun FritschFünf Themenbereiche prägen das Jahr 2009 in Groß-Zimmern. Ganz vorne an steht in fast allen Bereichen das Sparen.

Im März stellt Bürgermeister Achim Grimm den ersten doppischen Haushaltsentwurf vor und damit steht fest: „Die Doppik zwingt zu Sparkonzept“. In dem 300-Seiten-Werk geht es um ein Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro. Im Ergebnishaushalt klafft ein Loch von 2,3 Millionen Euro. Gemeindebedienstete und Kommunalpolitiker grübeln seitdem, wie sie dieses Defizit verringern könnten. Doch im Juni kommt es noch heftiger: Anstatt zu schrumpfen wurde das Loch im Etat - wie auch in vielen anderen Kreis-Kommunen - wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise und vor allem durch ausbleibende Einnahmen aus der Gewerbesteuer noch weiter aufgerissen. Es fehlen weitere 500 000 Euro, das Minus steigt also auf insgesamt rund 2,8 Millionen Euro.

Doch es kommt auch etwas hinzu. „Bis zu 1,3 Millionen Euro könnten aus den helfenden Finanzmitteln des Bundes und des Landes nach Groß-Zimmern fließen“, lauten die Berechnungen im Frühjahr. Eine gemeinsame Liste zum Konjunkturpaket II. wird erstellt. Besonders profitieren hiervon die Kindergärten Blumenstraße und Nordring, das Hallenbad und einige Schulbauten.

Vier Jahre ist Achim Grimm Bürgermeister von Groß-Zimmern, zwei Drittel seiner Amtszeit sind damit vorbei. In einem Gespräch mit dem LA gibt der Rathauschef im August die Devise aus: „Jeden Euro dreimal umdrehen“.

Trotz unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit müsse ein gemeinsamer Weg gefunden werden, appelliert der Bürgermeister im September an die Vernunft der Gemeindevertreter. Vor allem bei defizitären Einrichtungen wie dem Hallenbad, der Mehrzweckhalle, dem Glöckelchen und der Bücherei scheint eine Gebührenanpassungen unumgänglich. „Die Krise ist spürbar angekommen“ heißt es dann im November bei der Vorstellung des Haushaltes 2010. „Die finanzielle Situation der meisten Kommunen hat sich in diesem Jahr erheblich verschlechtert. Genau genommen ist sie dramatisch“, erklärt Bürgermeister Grimm in seiner Rede und bezeichnet das, was in den nächsten Jahren auf die Gemeinden zukommt, als „katastrophal“. Dem Haushalt beigefügt ist ein umfangreiches Sicherungskonzept. Angefangen von Mitgliedsbeiträgen, über Vereinszuschüsse, Betreuungseinrichtungen, Weihnachtsbeleuchtung oder Seniorentreffen, wird alles auf den Prüfstand gestellt. Bis zuletzt bleibt fraglich, ob der Haushalt eine Mehrheit finden würde.

Bereits zu Jahresbeginn spricht Gemeindevertretervorsteherin Katharina Geibel (CDU) nach Unstimmigkeiten bezüglich der Aussprachen im Parlament ein Machtwort: „Nicht mit mir!“ Im März melden sich die vier anderen Fraktionen (SPD, Grüne, FDP und Freie Wähler) mit einer gemeinsamen Presseerklärung. „Mit uns nicht!“ und kritisieren sie die ihrer Meinung nach „eigenwillige Auslegung“ der Geschäftsordnung.

Während das Bündnis von CDU und Grünen dem Haushalt 2009 noch im Mai zur Mehrheit verhilft, sind die Grünen nach dreijähriger Kooperation zunehmend enttäuscht und kündigen im Juni an: „Wir werden uns nicht länger von der CDU als Mehrheitsbeschaffer für die Umsetzung reiner CDU-Interessen missbrauchen lassen“. Der Abstimmung zum Haushalt 2010 bleiben zwei der drei Grünen im Parlament fern, so dass dieser mit knapper Mehrheit beschlossen wird.

Übereinstimmend Lob und Befürwortung finden hingegen die Projekte im Rahmen der „Sozialen Stadt“. Lediglich die Liberalen wollen auch bei der „Projektwerkstatt“ den Rotstift ansetzen. Tom Hicking, Jugendpfleger und Projektwerkstatt-Beauftrager der Gemeinde, liefert im Dezember einen Sachstandsbericht über das erste Jahr mit vielen Aktionen und Arbeitskreisen. Mit 343 000 Euro wird die Ortsentwicklung von Bund und Land gefördert, die bis 2013 zu verausgaben sind. „Die Förderquote von 76,2 Prozent hat sogar optimistischste Erwartungen übertroffen“, so Hicking. Maximales könnte mit minimalen Mitteln erreicht werden und „wir sind endlich beim WIR angekommen“, fasst er den sozialen Aspekt der Projekte in einem Satz zusammen. Besonders die Neugestaltung der Freifläche zwischen Dresdener- und Angelgartenstraße mit einer Kerngruppe aus Anwohnern und engagierten Mitarbeitern wird gelobt. Hier beteiligen sich 140 Menschen aktiv an mehreren Bauwochenenden.

Mit der Planung eines Mehrgenerationenspielplatzes in der Adolph-Kolping-Anlage, der den Dialog zwischen den Generationen fördern und das Gemeinschaftsgefühl stärken soll, befassen sich Vertreter verschiedener Institutionen (Seniorenverbände, Wohnheim-Gersprenz, Kindergärten, Jugendzentrum, Demenzservicezentrum) in der Arbeitsgruppe „Begegnung Jung und Alt“.

Im Dezember hat die Projektwerkstatt in enger Abstimmung mit den Gewerbetreibenden eine Umfrageaktion zum örtlichen Einzelhandel bei den Bürgern durchgeführt, mit dem Ziel die Gemeinde attraktiver zu machen. Für das Frühjahr sind noch weitere Aktionen geplant und einige Arbeitskreise sind aktiv.

Unterstützt durch die Projektwerkstatt wird auch die Vereinsgründung des Club Italia in Groß-Zimmern, der in vielen Punkten sehr engagiert ist. Die Italiener bringen nicht nur als Verein südländisches Flair und Schwung in die Gemeinde. Im Mai wird eine Italienische Nacht gefeiert und im Juni wird der Beginn der Partnerschaft von Rignano sull Arno und Groß-Zimmern besiegelt. Bei einem feierlichen Akt wird die Verschwisterungsurkunde von der italienischen Bürgermeisterin Gianna Magherini und ihrem deutschen Amtskollegen Achim Grimm unterzeichnet.

Viele Italiener arbeiteten früher in der alten Ziegelei. Doch die ehemalige Fabrikanlage unter den Schornsteinen in der Darmstädter Straße liegt seit Jahren im Dornröschenschlaf.

Zur Jahrtausendwende hatte ein potenzieller Käufer Pläne für die brach liegenden „Odenwälder Ziegelwerke“ vorgestellt.

Anfang des Jahres bestätigt Insolvenzverwalter Tobias Hoefer den Rückzug dieser Frankfurter Immobiliengruppe. Im April kündigt der potenzielle Investor Harald Früchtenicht an: „Wir wollen hier eine reine Wohnnutzung“. Das Unternehmen kalkuliert mit 50 Wohneinheiten. Die Bauplätze für Einfamilienhäuser auf dem gut drei Hektar großen Teilgelände der Ziegelei sollen zwischen 400 und 500 Quadratmeter groß sein. Der Leiter der Babenhäuser „Projektentwicklung Früchtenicht“ überzeugt Liane Mannhardt von der Unteren Denkmalschutzbehörde davon, dass der große Schornstein fallen müsse. Im Gegenzug sollte der westliche Teil der Fassade mit dem Portal des alten Fabrikgebäudes und den zwei integrierten Plastiken komplett erhalten werden.

Eine Industriebrache am Ortsrand, das wünscht sich keiner. Dennoch fragen SPD und Grüne im September: „Wollen wir denn überhaupt noch ein Neubaugebiet?“ Über die Zukunft der Ziegelei wird wohl auch in den kommenden Jahren noch beraten werden.

Wesentlich zügiger scheint sich das gigantische Orgel-Projekt zu entwickeln. 2008 wurde in der katholischen Kirche der Förderverein gegründet, der die Beschaffung des neuen Instrumentes regeln soll. Angefangen vom Orgelbrot oder der „Pizza d’ Organo“, bis hin zu Weinproben und Konzerten, die Orgelthemen dominieren das Vereinsleben in der Gemeinde. Bis zum Jahresende kommen über 39 000 Euro zusammen.

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