Wunderwelt des Wahns

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Alice, gespielt von Rosa Mohamed (links), wird von der „Grinse-Katze“ (Aileen Henrich) geführt. Deren Zusammenkunft sollte später noch tragisch enden.

Groß-Zimmern ‐ Mir hat das Stück sehr gut gefallen“, sagt Schulleiter Helmut Buch und drückt Regisseur Andreas Konrad die Hand. Mit einem zufriedenen Schulleiter und rund 130 Premierengästen, darunter auch Bürgermeister Achim Grimm, endete das Stück „Alice im Wunderland - die wahre Geschichte“ am Freitagabend in der alten Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule. Am Samstag und Sonntag standen die Nachwuchsschauspieler zwei weitere Male auf der Bühne. Von Michael Just

Mit „Alice im Wunderland“ wagten sich die Schüler nicht gerade an einen leichten Stoff heran, vor allem, weil man das 1865 erstmals erschienene Buch nur als Grundlage nahm und der Handlung einen eigenen Verlauf gab. „Wir haben den Wahnsinn, der in den Figuren steckt, weitergedacht und treiben ihn auf die Spitze“, so Konrad. Das Mitglied des Darmstädter Lakritz-Theaters bereitete mit der Schauspiel-AG das Stück über mehrere Monate vor. In der Version der ASS-Schüler ist nicht Alice die Protagonistin, sondern ihre Schwester Lorina (gespielt von Sophia Franz), die Alice im Wunderland sucht. Dabei erlebt sie so manche surreale Begegnung, wie etwa mit der Herzkönigin oder einer verrückten „Teegesellschaft“.

Gleich zu Beginn der Aufführung wurde deutlich, dass dieser Abend bizarr verläuft und befremden soll: Die Bühne ist in grünes Licht getaucht, es läuft eine Nebelmaschine, ein großes Tarnnetz an der Decke schafft beklemmende Enge über einer Fantasielandschaft. Die Musik ist mystisch und baut Spannung auf. Auffallend ist die Länge des Stücks: Mit einer Stunde liegt die Kürze in der Würze.

Insgesamt brachte das Ensemble eine ansprechende Leistung: Das vermeintliche Wunderland von Alice wurde in ein Tollhaus und eine Szenerie mit vielen verrückten Figuren verwandelt, bei denen sich allerlei Abgründe auftun. Gelungen auch das Bühnenbild, wo man mit einfachen Mitteln eine wirkungsvolle Fabelwelt erzielte.

Alice überlebt Katzen-„Wisch“ nicht

Bei den Schauspielern gefiel besonders Aileen Henrich als „Grinse-Katze“: Mit sanfter, oft hauchender Stimme spielte sie gekonnt die verführerische Katze mit teuflischen Zügen. Mit Julia Faupel in der Rolle des Hutmachers bildete sie einen erfrischenden Kontrast zur Schwester von Alice, die ihre Rolle mit nüchterner, ja fast cooler Gelassenheit, ausfüllte. Julia Faupel und Marlene Wenz konnten sich gleich in einer Doppelrolle profilieren, denn neben der Rolle als „Hutmacher“ und die des „Weißen Kaninchens“ standen sie auch als die „Dicke Zwillinge“ auf der Bühne, die einmal als Spiegelbild besonders erheiternd alles synchron machen. Der Wahnsinn, den die Schüler in das Stück schrieben, offenbarte sich zum Schluss, als Alice ihren Ausflug ins Wunderland durch einen „Wisch“ der Grinse-Katze nicht überlebt. Künstlerisch abstrakt dargestellt war diese Szene nicht ganz einfach zu verstehen, wie auch die Handlung an anderen Stellen. Im Vorteil waren die Zuschauer, die die Geschichte von Alice gut kannten oder sich vorher informiert hatten. Für Besucher ohne Vorkenntnisse blieben Inhalt und Verlauf allzu oft rätselhaft.

Wie Konrad erzählt, ging ihm das ähnlich, als er das Buch von Lewis Carroll das erste Mal las: „Wo ist die Geschichte? Was machen die da?“, blickt er auf seine ersten Eindrücke zurück. Ein Programm oder eine Inhaltsangabe hätte beim Theaterstück so manches Fragezeichen auflösen können.

„Damit muss das Publikum klarkommen“

Die besondere Leistung der jungen ASS-Schüler liegt vor allem darin, dass sie von den klassischen Stücken einmal abgewichen sind und den Verlauf der Geschichte selbst kreierten. Mit Konrad hatten sie dabei einen Regisseur, der die Story fast avantgardistisch umsetzte. Kreativ und innovativ entwarf er mit den Schülern eine surreale Welt, die die Zuschauer mit dem unverhofften Ausgang des Stückes zum Nachdenken anregen sollte: „Wir haben eine tote Alice - damit muss die Schwester und auch das Publikum nun klarkommen“, so der Theater-Profi.

Diese Problematik setzte sich aber nicht zu lange in den Köpfen fest: Nach dem verdienten Schlussapplaus lagen sich die Nachwuchsschauspieler erleichtert in den Armen, für jede Darstellerin hatte Konrad eine weiße Rose in petto. Wie der Darmstädter sagt, könne er sich durchaus eine Fortsetzung der Story vorstellen. So biete das von Schülern ausgedachte Ende der Geschichte allerlei Möglickeiten, dass die Theater AG zu Alice nicht nur ein zweites Mal in die Kostüme schlüpft, sondern auch erneut als Autor agiert.

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