Interview: Pfarrer und Dekan Christian Rauch zieht Bilanz

Zeit für neue Herausforderungen

+
Der katholische Geistliche verlässt Groß-Zimmern mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Groß-Zimmern – Christian Rauch trat vor zehneinhalb Jahren seine erste Pfarrstelle in der Gersprenzgemeinde an und war für die katholischen Pfarreien in Groß- und Klein-Zimmern zuständig.

Hier wurde der 33-jährige gebürtige Wormser schnell heimisch, wurde zum Dekanatsjugendseelsorger, vor rund fünf Jahren dann zum Dekan des Dekanats Dieburg gewählt. Jetzt ist es Zeit für Veränderungen: Am 5. Mai wird der Geistliche in der Pfarrei St. Bartholomäus verabschiedet, um sich neuen Herausforderungen in einer größeren Pfarrei zu widmen – wo, will er noch nicht verraten.

Wie kam es zu Ihrem Entschluss, die Pfarrgemeinde zu verlassen?

Noch bevor ich meine erste Pfarrstelle überhaupt angetreten hatte, habe ich für mich entschieden, dass ich mich nach zehn Jahren nach einer neuen Stelle umschauen wollte. Als ich dann im vergangenen Juni dem Personalchef mitteilte, dass ich nach einer Veränderung suche, war mir aber schon klar, dass es ein sehr gutes Sprungbrett sein müsste, denn ich fühle mich in Groß-Zimmern sehr wohl und die Pfarrgemeinde liegt mir am Herzen. Es kamen verschiedene Angebote, und nun war eine offene Tür dabei, durch die ich gerne gehen werde.

Welches Ereignis beeindruckte Sie am stärksten in Groß-Zimmern?

Das waren gleich zwei Dinge: Als ich am 2. August 2011 die beiden Ordensschwestern in Ober-Olm mit dem Auto abholte, weinten sie. Daraufhin stimmte ich das Lied „Here I am, Lord“ an und schon hellte sich die Stimmung auf. Damit begann die Klostergründung des Ordens „Mägde Mariens“ in Groß-Zimmern.

Ein weiteres besonderes Erlebnis war für mich die Orgelweihe am 1. Oktober 2016. Es war beeindruckend, zu erleben, dass das Werk, für das der Verein sieben Jahre lang Spenden sammelte, nun vollendet, die Orgel unter großer Anteilnahme der Gemeinde geweiht und für Gott in den Dienst gegeben wurde.

Welche Erinnerungen aus Ihrer Pfarrgemeinde nehmen Sie mit für Ihren weiteren Lebensweg?

In Erinnerung bleibt der Blick auf Groß-Zimmern und die beiden Kirchtürme. Auch viele Gesichter der Menschen und ihre Geschichten werden unvergessen sein.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre neue berufliche Herausforderung vor? Können Sie dabei auch von Ihren Erfahrungen aus Groß-Zimmern profitieren?

Ich werde Kurse in der Abtei Münster-Schwarzach für Pfarrer in Veränderungsprozessen besuchen. Diese bieten vor dem Antritt einer neuen Stelle Gelegenheit, sich zu sortieren und einen Blick für das Bevorstehende zu bekommen.

Man kann von Erfahrungen stets im Positiven sowie im Negativen profitieren und es ist immer mutig, sich große Ziele zu stecken – wie damals, als wir beschlossen eine Orgel für 250 000 Euro zu bestellen. Ich habe mich in einem anderen Fall auch gegen Nein-Sager durchsetzen müssen und einen Kinderchor gegründet, der im Mai sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Diese und viele andere Erfahrungen nehme ich mit.

Was oder wer hat Ihre beruflichen Ziele und auch Ihr Leben geprägt?

Meine Einbindung in die Domgemeinde Worms, in der ich mit sieben Jahren begann, im Kinderchor zu singen, hat mich sehr geprägt. Ebenso wie der Domprobst Eckehard Wolff, der übrigens aus Langstadt – hier ums Eck – kommt, mich durch seine Predigten und seine ganze Art sehr geprägt hat. So nahm ich 2018, als der Wormser Dom 1 000 Jahre alt wurde, auch an zahlreichen Veranstaltungen teil.

Was motiviert Sie sowohl beruflich als auch im privaten Bereich?

Ich habe gern mit Menschen zu tun. In der Seelsorge begegnet man den unterschiedlichsten Menschen, die sich mit freudigen Ereignissen, bei einem Todesfall, aber auch mit Ehe- oder Drogenproblemen an mich wenden. Der große Vertrauensvorschuss, den sie mir entgegenbringen, motiviert mich sehr.

Privat bin ich jetzt dreifacher Patenonkel von Kindern in unterschiedlichem Alter. Das ist eine wirklich schöne Sache, und dadurch hat sich mein gesamter Freundeskreis auch noch einmal neu gestaltet.

Der berufliche Wechsel ist auch mit einem Wohnungswechsel verbunden. Gibt es etwas, was Sie von Bleibe zu Bleibe mitnehmen?

Viel zu viel zieht immer mit um. Ich fange jetzt schon an, auszumisten, werde aber beispielsweise meine Ernennungsurkunde und einen Großteil meiner Möbel mitnehmen. Ich hatte mir einen schönen Garten angelegt, der meine Oase war. Von dieser kann ich nur die Erinnerungen daran mitnehmen – dafür wird sich mein Nachfolger am Garten erfreuen können.

Wie es derzeit aussieht, wird die Pfarrstelle in Groß-Zimmern wieder neu besetzt. Haben Sie Tipps für Ihren Nachfolger?

Er sollte ja nicht so großzügig mit dem „Du“ sein. Außerdem sollte es sich der neue Pfarrer hier gut gehen lassen, die schöne Kirche genießen und nicht zu viel arbeiten.

Gibt es hier Projekte, die Ihnen trotz Ihrer neuen beruflichen Position weiterhin am Herzen liegen?

Ein Abschied ist ein Abschied. Für weitere Trauungen, Taufen und Beerdigungen werde ich nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber dem Förderverein der Kindertagesstätte, der noch in den Kinderschuhen steckt und hoffentlich noch wächst und Wurzeln schlägt, werde ich als Mitglied treu bleiben.

Was können Sie über Ihre neue Tätigkeit sagen?

Ich werde in eine andere Pfarrei gehen. Wohin, möchte ich erst sagen, wenn es spruchreif ist, vielleicht im März. Nicht an eine Sonderstelle oder an den Schreibtisch, denn ein Kirchenbeamter will ich nicht werden. Meine neue Wirkungsstätte ist eine größere Pfarrei mit Kooperationen zu Nachbarpfarreien. Auch dort werden weitreichende Kirchenreformen anstehen.

Gibt es etwas aus Groß-Zimmern und aus Ihrer Pfarrgemeinde, das Sie vermissen werden?

In jedem Fall werde ich die Kirche vermissen mit ihrem fast perfekten Innenraum, den tollen Proportionen und dem Lichteinfall sowie der Akustik. Vermissen werde ich auch die Menschen, die mir hier sehr geholfen haben, die indischen Schwestern, meinen Garten und meinen Pflegehund Carlos. Aber es gibt auch etwas, was ich auf keinen Fall vermissen werde: die furchtbare Stadtdurchfahrt durch Darmstadt.

Das Gespräch führte Martina Emmerich.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare