Jahresrückblick: Ziegelei und viel Rangelei

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Zwei der vier markanten Türme von Groß-Zimmern werden Anfang 2011 voraussichtlich fallen.

Groß-Zimmern - Noch prägen vier Türme das Ortsbild von Groß-Zimmern. Die Tage der zwei Schornsteine auf dem Gelände der alten Ziegelei sind jedoch gezählt. Von Gudrun Fritsch

Die hohen Bauten werden voraussichtlich in den nächsten Wochen fallen, die zur Müllhalde degradierte Industriebrache an der Darmstädter Straße soll bald in ein besseres Licht gerückt werden. Bereits 2009 hatte sich ein neuer Investor gemeldet. Das Projekt „Alte Ziegelei“ der Babenhäuser Unternehmer Aumann und Früchtenicht sieht vor, auf einem Teil des 66 000 Quadratmeter großen Areals rund 50 Einfamilienhäuser sowie ein Seniorenwohnheim zu bauen. Das einbezogene Biotop soll dem NABU übertragen werden.

Nachdem sich die Parlamentarier bei einem Ortstermin über Umweltbelastungen und Altlasten informiert haben, sieht es für die Projektentwickler zunächst positiv aus. Kritisiert wird jedoch, dass angesichts der demographischen Prognosen eigentlich kein Bedarf an einem Baugebiet bestehe, das bis zu 200 Neubürgern Raum bietet. Zudem entstünde so ein isoliertes Siedlungsgebiet, während es im Ort noch genügend freie Bauplätze gebe. Das Anliegen der Investoren, bei der Bauleitplanung nach dem vereinfachten Verfahren vorzugehen, bei dem etwa die Pflicht zur Umweltverträglichkeitsprüfung entfällt und die Öffentlichkeit nicht in dem Maß gehört werden muss, wie es im regulären Verfahren vorgeschrieben ist, findet im März eine denkbar knappe Mehrheit.

HTI Eisen Rieg zieht von Darmstadt nach Zimmern

Nachdem sich die Grünen Mitte 2009 vom ehemaligen Bündnispartner CDU losgesagt hatten, ist die CDU in der Gemeindevertretung auf wechselnde Mehrheiten angewiesen. Geschlossen kritisieren die Oppositionspolitiker nun fehlende oder zeitlich zu späte Informationen sowie unvollständige, inhaltlich kaum nachvollziehbare und teilweise sogar falsche Unterlagen. Ein Vorwurf, der auch in der Folge bei fast allen entscheidungsträchtigen Diskussionen erhoben wird, Gemeindevertretersitzungen immens in die Länge zieht und in der Kommunalpolitik insgesamt für schlechte Stimmung sorgt. Erst nach mehreren Terminen mit wiederholten Änderungen der Beschlussvorlagen werden der Städtebauliche Vertrag zwischen Gemeinde und Investor sowie der Satzungsbeschluss für die alte Ziegelei kurz vor Weihnachten beschlossen. Die knappe Mehrheit und damit das OK für das Projekt kommt nur mit den Stimmen der beiden Liberalen zustande.

Wegen fehlender und fehlerhafter Unterlagen lehnen die Oppositionspolitiker mit ihrer Mehrheit den geplanten geplanten Verkauf des Gemeindegrundstückes „RÜB-West“ vorerst ab. Auch ein Bauvorhaben an der Bahnstraße findet keine Mehrheit. Dabei tut sich baulich einiges in der Gemeinde.Etwas verspätet beendet die Firma HTI Eisen-Rieg die Bauarbeiten am Ende der Röntgenstraße. Der Firmensitz des Logistik-Zentrums wird von Darmstadt nach Groß-Zimmern verlegt, wodurch das Industriegebiet nicht nur optisch eine Aufwertung erfährt.

Oppositionspolitiker sehen sich als „übergangen und nicht informiert“

Mehrzweckhalle, Hallenbad und Kindergärten werden saniert und endlich kann auch die Mensa an der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) und der Schule im Angelgarten eingeweiht werden. Die Ganztagsprogramme können hier nun besser gestaltet werden und die ASS erweist sich mit dem G 9-Angebot nicht nur für Zimmerner als attraktiv. Erstmals beginnt das Schuljahr hier neben der Förderstufe mit drei Gymnasialklassen.

Auch beim Ausbau des Jugendzentrums und des Mehrgenerationenspielplatzes in der Adolph-Kolping-Anlage geht es zunächst nicht ohne Rangeleien ab. „Übergangen und nicht informiert“ sehen sich die Oppositionspolitiker als es um Geldter für diese Projekte im Rahmen der „Sozialen Stadt“ geht, die in der Gemeinde - abgesehen von der FDP - von allen Parteien grundsätzlich befürwortet werden.

Ganztagsprogramm jetzt auch in der Friedensschule

Die sozialen Projekte laufen insgesamt gut. Viele engagieren sich in der Projektwerkstatt und verstehen die politischen Querelen längst nicht mehr. Vielleicht sind es nicht alles „Wutbürger“, aber viele Ehrenamtliche und Mitarbeiter von Mehrgenerationenhaus mit Demenzservicezentrum, Seniorenheim, Schulen, Kindergärten, Jugendzentrum sowie vieler engagierter Vereine arbeiten kontinuierlich an der Vernetzung von Betreuung, die sie als wesentlichen Standortfaktor der Zukunft erkannt haben. Spielplätze und Schulhöfe werden von Zimmerner Bürgern aller Altersklassen und unterschiedlicher Nationalitäten mit gestaltet und neben den Festen, die die Zimmerner alle Jahre wieder gebührend feiern, findet nach dem verstummen des WM-Vuvuzela-Trötens im September das erste „Fest der Kulturen“ statt. Nach jahrelanger Pause wird wieder ein Ausländerbeirat gewählt. Bezeichnend ist, dass sich gleich drei Listen beteiligen und zuletzt vier Frauen und zwei Männer gewählt werden.

Die Bedeutung des Betreuungsfaktors hat auch die Politik für sich entdeckt. Für die Unter-Dreijährigen sowie den Ganztagsbetrieb der Schulen werden Räume gesucht. Aktuell ist neben den Genannten auch die Friedensschule mit immerhin 350 Schülern ins Ganztagsprogramm aufgenommen. Bürgermeister Achim Grimm verhandelt diesbezüglich mit dem Kreis als Schulträger über einen möglichen Rückkauf des ehemaligen Schulhauses in der Wilhelm-Leuschner-Straße, das in den letzten Jahren von der Gemeinde als Sozialwohnungen genutzt wurde.

Auf Silke Lautenschläger folgt Manfred Pentz

Umwelt und Natur werden gepflegt. Der Wald schreibt schwarze Zahlen, die Renaturierung der Gersprenz geht voran und Hessens Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) gibt in der Waldschule den Startschuss für das „Messeler Hügelland“, ein Gemeinschaftsprojekt im 9 000 Hektar großen Wald zum Schutze der Artenvielfalt von Amphibien, Vögeln, Pflanzen. Kurz darauf gibt Lautenschläger ihren Rücktritt vom Landtagsmandat bekannt, was ihren Ersatzkandidaten, den Groß-Zimmerner CDU-Fraktionsvorsitzenden Manfred Pentz, nach Wiesbaden in den Landtag befördert.

Mit Entsetzen vernehmen die sozial engagierten Zimmerner, dass der Bund seinen Anteil der Gelder für die Soziale Stadt auf ein Drittel kürzt. Damit könnten auch die bisher sehr gut laufenden Projekte in der Gemeinde gefährdet sein.

Fünf Kandidaten für die Bürgermeisterwahl - und da ist noch Janek Gola

Das vielerseits kritisierte „Nicht miteinander Reden“ vor Abstimmungsterminen zieht sich weiterhin wie ein roter Faden durch die Sitzungen der politischen Gremien und findet seinen Höhepunkt in der Ablehnung des Haushaltsentwurfes für 2011 und die von den Oppositionsparteien herbeigeführte Entscheidung, den Eigenbetrieb Abwasser aufzulösen.

Für den Ganztagsbetrieb der Friedensschule werden Räume gesucht, dabei geht es auch um einen möglichen Rückkauf des Schulhauses in der Wilhelm-Leuschner-Straße.

In der Folge kündigt Bürgermeister Grimm an, dass Freiwillige Leistungen der Gemeinde, wie Deutschunterricht in Kindergärten, der Polizeidienst oder die Bereitstellung des Bürgerbusses, der seit Mai auch das entfallene Anruf-Sammel-Taxi ersetzte, gestrichen werden müssen. Die Parteien werfen sich gegenseitig vor, diese Themen für ihren Wahlkampf zu nutzen. Und der verspricht besonders nach dem kalten Winter sehr heiß zu werden.

Neben Amtsinhaber Grimm (CDU), kandidieren der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Stefan Fröhlich, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Marianne Streicher-Eickhoff, und der Freie Wähler Peter Urban. Vor Weihnachten kündigt schließlich auch noch Ralf Oesswein, der für die SPD im Gemeindevorstand ist, seinen Parteiaustritt und die Kandidatur als Bürgermeister an. Als wahrscheinlich gilt weiterhin eine Kandidatur von Janek Gola, der aktuell in Zimmern die AuF-Partei gründet. So wird es im Superwahljahr 2011 für die Zimmerner nach der Kommunalwahl am 27. März ziemlich sicher noch mit einer Stichwahl am 10. April weitergehen.

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