Tobias Götz zeigt im Feuerwehrhaus Klein-Zimmern zum zweiten Mal seine militärhistorische Ausstellung / Fokus auf Zweitem Weltkrieg

Zwischen Volksempfängern und Kompaniebriefen

Tobias Götz (l.) erläutert Michael Freiwald den Inhalt eines historischen Medizinschränkchens. - Fotos (2): Jens Dörr

Klein-Zimmern - „Für meine Großmutter war das Thema Krieg 1945 erledigt“, sagt Tobias Götz. Von Jens Dörr

Der 37-Jährige aus Klein-Zimmern hat zwar selbst den Zweiten Weltkrieg (1939-1945) nicht miterlebt, beschäftigt sich aber seit elf Jahren intensiv mit dem Thema und auch mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918). Kürzlich stellte er im Rahmen des Kaffee- und Kuchennachmittags zum zweiten Mal „Militärhistorisches“ im Feuerwehrhaus in Klein-Zimmern aus.

Obgleich man ihm das schon nach wenigen Minuten des persönlichen Gesprächs keinesfalls mehr zutrauen würde, schickt Götz beim Rundgang durch die Ausstellung frühzeitig vorweg: „Ich erkläre immer erstmal, dass mein Interesse und die Ausstellung an sich keinen ideologischen Hintergrund haben. Mir geht es um die Aufarbeitung des Militarismus, ich betrachte rein die militärhistorische Seite.“ Das musste Götz im vergangenen Jahr zunächst auch der Kriminalpolizei erläutern, ehe er die Exponate, Schriftstücke und - teils auch akustisch untermalte - Dioramen zeigen durfte.

Was aber zur Erlaubnis führte, weil man erkannte: Hier wird nichts verherrlicht, nichts banalisiert. Im Gegenteil: Eindringlich und abschreckend auch mit Blick auf heutige nationalsozialistische Umtriebe präsentiert sich die Schau. Schilder mit der Aufschrift „Wer plündert(,) wird erschossen“, lassen ebenso schlucken wie das Diorama einer Mutter mit Gasmaske nebst Baby im Gasbettchen.

Der Zweite Weltkrieg als grausamstes Kapitel der Weltgeschichte - der deutschen sowieso - lebt in Götz’ Ausstellung in nüchterner Darreichungsform, deshalb aber nicht weniger intensiv, wieder auf. Nach der Premiere im Vorjahr, zu der rund 80 Besucher kamen, musste der Zimmerner dieses Jahr gegenüber der Kripo keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Einige Vorgaben gelten aber weiterhin für die Aufarbeitung der Historie: So zeigte Götz, dessen Vater Walter Götz, auch Vorsitzender des Kultur- und Kerbvereins Klein-Zimmern, beim Aufbau ebenso half wie der befreundete Historiker Michael Freiwald, keine verbotenen Symbole wie das Hakenkreuz.

Schriftlich klärte er vor dem Ausstellungsraum zudem über Inhalt und Intension der Schau auf, um im Vorhinein auszuschließen, dass Besucher Inhalte in den falschen Hals bekommen.

Am Anfang stand also die Großmutter, die nicht mehr über den Zweiten Weltkrieg sprach - auch nicht über die Rolle des Großvaters. „Ich habe dann zunächst recherchiert, inwiefern mein Großvater bei der Wehrmacht war oder nicht“, so Götz. Einsätze in Russland, Gefangenschaft bei den US-Amerikanern - all das bekam er erst auf eigene Faust und knapp sechs Jahrzehnte später heraus.

Die Recherche sei gewesen „wie ein Weg, an dessen Ende unzählige weitere Wege abgehen“. Götz’ Neugier war geweckt, hinsichtlich der Themen- und Informationsfülle schränkte er sich nach und nach auf den Zweiten Weltkrieg als Hauptgebiet ein. Mit dem Ersten Weltkrieg befasse er sich nur, „wenn’s ins Gespräch kommt“.

An Gesprächen hat der Klein-Zimmerner im vergangenen Jahrzehnt etliche geführt, hunderte Briefe geschrieben, sich in Archive gewühlt, gelesen, auf Märkten und im Internet nach Exponaten geforscht. Der Großteil des Gezeigten gehört ihm. Zu allem weiß er präzise und detailliert Auskunft zu geben. Die Inhalte eines alten Medizinschränkchens kennt er ebenso wie die Inhalte der Kompaniebriefe, die er zeigt und die einst trocken über Schicksale von der Front berichteten - „er erhielt einen Kopfschuss und musste nicht lange leiden“. Besonders die Kriegsjahre toter oder noch lebender Groß- und Klein-Zimmerner sowie Dieburger möchte Götz so lückenlos wie möglich aufarbeiten - eine Herkulesaufgabe.

In der Nachbarstadt mache ihm das Stadtarchiv die Arbeit dabei noch etwas leichter als die aufbewahrten, aber kaum sortierten Akten in seiner Heimatgemeinde.

Zwischen Volksempfänger, Fotos und Dokumenten wies Tobias Götz die Besucher auch immer wieder darauf hin, dass er großes Augenmerk darauf legt, bei den Exponaten keinen Fälschungen aufzusitzen. „Ich achte sehr darauf, dass ich mir nur Originale hole, auch wenn die Kopien teils sehr gut gemacht sind.“ Fast ein wenig verschenkt wirkt derweil die lehrreiche, informative, ergreifende Ausstellung - bedenkt man, dass Sohn und Vater Götz mit Freiwald planmäßig schon nach drei Stunden wieder abbauten. Für Schüler etwa aus Groß-Zimmern und Dieburg könnten die Objekte harte Kost, aber in erster Linie authentischen Geschichtsunterricht bedeuten.

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