Große Gefühle, alle nur gespielt

Die in Köln lebende Tänzerin und Choreografin Caroline Simon, 1977 in Brüssel geboren, hat vermutlich das Genre Stand-Up-Tanz-Comedy erfunden. Ihr schlicht „Stück“ genanntes Solo im Studio des Frankfurter Mousonturms entsteht vor allem in der Imagination. Es handelt sich um eine in filmische Schnitte gefasste Erzählung mit Worten und dem Körper.

Immer wieder richtet Simon den Blick ins Publikum, macht den Zuschauer zu ihrem Komplizen.

Es geht um die Geschichte einer Leidenschaft. Einer Begegnung mit dem Mann der Träume. In Bildern, die so kitschig und klischeebeladen sind, dass sie jedem Hollywoodschinken zur Ehre gereichen würden. Sehr gescheit sind in dem mit der Choreografin Silke Z. entwickelten Stück die Ebenen miteinander verwoben.

Primär geht es um die Entstehung eines Tanzabends im Probenstudio nach der Manier amerikanischer Tanzfilme. „Stück“ erzählt aber auch von der Aufführung und von Einsamkeit. Sie nämlich ist, wie sich am Schluss herausstellt, Quell der Imagination: Die Ich-Erzählerin geht abends in ihre leere Wohnung, legt sich hin, Spot auf sich, und beginnt zu spintisieren. Sich hineinzusteigern in eine Fantasie der großen Gefühle, die in einer Weise überhöht sind, das nur noch Beethovens Schlusschoral aus der neunten Sinfonie geeignet scheint, den Soundtrack dafür herzugeben. Musik, Licht, alles entsteht natürlich nur aus Caroline Simons Bühnenerzählung.

Mag sie auch am Ende einen Zettel mit einer Partnerschaftsanzeige verteilen und so – vielleicht – das „Stück“ als Ausdruck eigener Sehnsüchte beglaubigen, so bleibt der Begriff dennoch heikel. Simon ist schließlich ganz schön gerissen. Wenn sie ein „Okay“ im Anschein des Hingerissenseins dahinhaucht, ist das Inszenierung. Einen authentischen Ausdruck des Moments wird das Publikum nicht erleben. Schadet selbstverständlich nichts.

„Stück“ ist eine komplexe Reflexion über Theater und seine Mittel. In einer amüsanteren Form hat man derlei lange nicht gesehen! STEFAN MICHALZIK

Quelle: op-online.de

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