Großer Geist trotz böser Blutgrätsche

„Als Sohn geboren, mochte es nicht, konnte es nicht ändern“ – so umriss Golo Mann sein Verhältnis zum (Über-) Vater Thomas. Erst nach dem Tod des Literaturnobelpreisträgers erlangte der Historiker und politische Publizist selbst die ihm gebührende Anerkennung.

Stabilen Nachruhm des 1994 Verstorbenen bezeugte am Tag vor seinem gestrigen 100. Geburtstag der rege Besuch in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, wo Tilmann Lahme erstmals seine Golo-Mann-Biografie vorstellte. Erschienen ist sie bei S. Fischer, wie auch die von ihm herausgegebene Sammlung kurzer Prosa „Man muss über sich schreiben“.

Wie schwer sich Mann damit tat, verdeutlichte Lahmes Zusammenfassung von dessen Vita. Was geht in einem Kind vor, das die Eltern hässlich finden? In einem Jugendlichen, den sein unterdrückt schwuler Schulleiter von der Neigung zum eigenen Geschlecht „heilen“ will, wie dieser dem versteckt homosexuellen Vater mitteilt? Diesem Aspekt widmete Lahme angemessenen Raum, anders als Urs Bitterlis Biografie oder Golo Manns eigene „Erinnerungen und Gedanken“.

Den Werdegang des Intellektuellen skizzierte Lahme anhand wichtiger Werke, von der „Deutschen Geschichte“ bis zum „Wallenstein“. Mit Wertungen hielt er sich zurück; er „stellte anheim“. Humor bewies er etwa, wenn er von Golos alljährlichem Wettlauf sprach: Würde es ihm gelingen, mit eigener Tätigkeit mehr zu verdienen als mit den Einkünften aus den Romanen seines Vaters?

Im Gespräch mit seinem Lektor Roland Spahr arbeitete Lahme weitere Besonderheiten heraus: Manns klaren Stil etwa, der seine Akzeptanz bei akademischen Kollegen eher erschwert habe. Hübsch auch die beiden Anekdoten, wie er zweimal beinahe Professor in Frankfurt geworden wäre, hätten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dies nicht verhindert. Dass sie seine Homophilie dafür ebenso instrumentalisierten wie seine jüdische Herkunft mütterlicherseits, ließ Lahme für sich sprechen und verwies auf Manns „Blutgrätsche“. Der habe Kultusministerium und Presse frühe Texte zugespielt, in denen Adorno zum Beispiel den Nazi Schirach lobte. Knapper, treffender Kommentar: „Große Geister im Sandkasten...“

In der Fragerunde mit dem vielköpfigen bildungsbürgerlichen Publikum zeigte sich der Biograf sattelfest, ob es das Verhältnis zu den Politikern Willy Brandt und Franz Josef Strauß, den Schriftstellern Ernst Jünger und Onkel Heinrich oder die Besuche im Langener Schloss Wolfsgarten betraf. Untrügliches Zeichen dafür, dass der junge Historiker, Germanist und Journalist ein enges Verhältnis zum Gegenstand seines Buchs entwickelt hat wie dieser seinerzeit zu den von ihm geschilderten Persönlichkeiten!

MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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