Großstädtische Bedrängungen

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„Der Frankfurter Dom“, 1926

Frankfurt - „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel“, schrieb Ernst Ludwig Kirchner 1925 in Frankfurt. Jetzt staunen Besucher der ersten deutschen Gesamtschau seit 30 Jahren. Ähnlich Farbkräftiges und Dynamisches wie die mehr als 150 Exponate war selten zu sehen. Von Reinhold Gries

Gemälde wie „Die Berge Weißfluh und Schafgrind“ oder „Nacktes Mädchen auf Diwan“ nehmen die Neuen Wilden vorweg, „Liebespaar“ und „Farbentanz“ die 50er Jahre. Bei figurativ überspitzten Berliner Straßenszenen bleibt es nicht. Großformate wie „Liegende Frau im weißen Hemd“, „Vier Badende“ und „Drahtseiltanz“ zeigen einen führenden Kopf der Moderne. Wie schwer es der sensible Künstler hatte, zeigt die Schau: Mit der Gruppe „Die Brücke“ brach der 1880 in Aschaffenburg geborene Kaufmannssohn zu neuen Ufern auf. Berlin war Station der Weiterentwicklung. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte Kirchner zerrüttet heim, zog sich nach Kuraufenthalten ab 1918 ins Alpenrefugium bei Davos zurück, kämpfte mit der Abhängigkeit von Morphinderivaten.

„Ernst Ludwig Kirchner – Retrospektive“ im Städel Frankfurt: Bis 25. Juli geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, ab Juni 10 bis 20, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 21, ab Juni 10 bis 22 Uhr

Seiner abstrakt wie figurativ zu deutenden Kunst war das dienlich – bis ihn die Nazis 1937 mit der Beschlagnahme von 600 „entarteten“ Museumsbildern zerbrachen. Deprimiert vernichtete er Druckstöcke, Grafiken und Bilder und setzte seinem Leben 1938 auf der Staffelalp mit Herzschüssen ein Ende. Dann wurde es still um das Markenzeichen E.L. Kirchner, aufgebaut durch Davoser Tagebücher und den erfundenen Kunstkritiker Louis de Marsalle. Nun ist Kirchner eine Ikone des Expressionismus, sein im Berliner Kanzleramt prangendes Großgemälde „Sonntag der Bergbauern“ mediale Hintergrundfolie für die Weltpolitik. Frankfurts Kirchner-Gemälde wie „Akt mit Hut“, die provokante Version von Cranachs Venus, die „Fehmarn-Häuser“ in van Goghs Stil oder das elegante „Englische Tanzpaar“ treffen auf das Triptychon „Badende Frauen“. Dass sich Kirchner von Rembrandt und Dürer inspirieren ließ, ist so unverkennbar wie Einflüsse von Matisse, Munch oder Picasso. Dies ändert nichts an Kirchners Eigenständigkeit, der Suche nach Ursprüngen der Kunst und des Lebens. Paradiesische „Marcella“-Bildnisse und „Negertänzerin“ in Öl belegen das. Idyllische Akte im Wald, an der Ostsee und den Moritzburger Teichen, zur Entstehungszeit skandalträchtig, zeigen vitale Farben und klare Figuration, Drang nach Sinnlichkeit, Selbstbefreiung und ausgelebter Sexualität, in einer virtuos gezeichneten Paar-Serie zu drastischer Offenheit verdichtet.

„Akt mit Hut“, 1910/20

Delikate Stillleben und kontrastreiche Landschaften wie „Windmühle auf Fehmarn“ und „Bahnhof Königstein“ sind zu bewundern. Kokotten und Voyeure spiegeln in nervösen Strichen und Konturen sowie fahlen Farben großstädtische Bedrängung bis zur Klaustrophobie. Selbstbildnisse und die Farbholzschnitte „Schlemihls Begegnungen mit dem Schatten“ reflektieren Kirchners Kriegstrauma. Versionen zu seiner Muse, Lebensgefährtin Erna Schilling, betonen die Konstante. Nach Stadtansichten wie „Platz in Halle“, „Westhafen“ und „Brandenburger Tor“ kommt das meisterliche Kontrastprogramm aus Davos. Monumentale Bergpanoramen in flächenhaftem „Teppichstil“ und satten Farbklängen aus Lavendel- und Grün-, Rosa- und Brauntönen entwerfen visionäre Lebensbilder für die Sehnsucht nach Einheit zwischen Mensch und Natur. Dank Kirchner gibt es diese wenigstens in der Kunst.

Quelle: op-online.de

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