Poesie und Alltag

Gruppenausstellung in der Galerie Thomas Hühsam

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Satte Farbenpracht aus Jim Avignons Pop-Art trifft auf die zurückhaltend-poetischen Montagen von Fehmi Baumbach. Fotos:

Offenbach - In den Clubs der Berliner Technoszene ist Jim Avignons Kunst gewachsen, mittlerweile hat der im rasenden Rhythmus malende Pop-Artist (Jg. 1968) sich auf Autos und der Berliner Mauer (EastSideGallery) verewigt, die documenta X auf eigene Faust bereichert und einige Alben seiner Ein-Mann-Band Neoangin veröffentlicht. Von Carsten Müller

Avignon ist bekannt dafür, Kunst wie am Fließband zu produzieren, davon zeugt auch die aktuelle Ausstellung in der Offenbacher Galerie Thomas Hühsam.

Die mit Formaten unterschiedlichster Größe bespielte Ecke wirkt, als ob Avignon seinen künstlerischen Bauchladen im Vorübergehen nur kurz aufgeklappt hat. Klebebandstreifen halten die Malgründe aus Papier und Pappkarton an den Wänden. Die intensiv farbigen, karikaturhaft-expressiven Motive sind plakativ, changieren zwischen Kapitalismuskritik und Szene-Humor. Welt und Geld auf einer Wippe, ein erschöpft im Bett liegendes Aufputschmittel, der Kunstmarkt als sich selbst aufpumpende Luftblase, auch aufgeschnittene Köpfe, aus denen sich Häuser und Straßen auftürmen oder radfahrende Teufel mit Mattscheiben-Antlitz ihre Runden drehen.

Künstler bedient sich mancher Klischees

Urbane Lebensräume skizzieren die Fotocollagen von Mia Gideon.

Freilich bedient sich der Künstler mancher Klischees, ohne aber beliebig zu wirken. Seine Sprache ist direkt, greift zeitgenössische Fragen auf, verfällt aber nicht in moralisierende Appelle: Jim Avignon ist ein Beobachter, der sich seinen Humor bewahrt hat. Auch im lockeren Umgang mit Kunstgeschichte und Maltraditionen. Einmal reicht in einer Vanitas-Persiflage ein großäugiger Skelett-Galan verlegen Blümchen an, dann wird in einer kubistisch anmutenden Straßenszene ein Vieltelefonierer von einem Dieb beklaut.

Gegen solche farbensprühende Alltagskunst wirken die Papierarbeiten von Fehmi Baumbach (Jg. 1971) geradezu dezent, dabei erzählen ihre hart geschnittenen Montagen aus Pergament, Fotografien, Schriftzügen und Fundstücken aus technischen Zeichnungen, Betriebsanleitungen sowie Landkarten Geschichten, die intensiv beschäftigen. Poetisches Kapital schlägt sie aus der Gegensätzlichkeit von Mensch und Technik, wenn Köpfe zu Kreiseln werden und Gedanken zu Millimeterpapier. Bisweilen sprengen die Erzählungen der unter anderem als Buchgestalterin und Djane in Erscheinung getretenen Künstlerin das Format, dehnen sich in den Raum hinein.

Hinterhöfe, Müllhalden und Betonwüsten

Mia Gideon (Jg. 1977) hat Hinterhöfe, Müllhalden und Betonwüsten von Istanbul, Sao Paolo, Berlin und Leipzig zu multiperspektivischen Fotocollagen verdichtet, die surreal über ihre Leinwände mäandern. Die Zeugnisse urbanen Verfalls und gesellschaftlichen Wandels kombiniert sie mit düsterer Farbflächenmalerei. Obdachlose kauern dort in anonymen Räumen, der Mensch wird auf seine unmittelbare Existenz reduziert und Kunst zum Plädoyer für eine an sozialen Maßstäben orientierten Entwicklung.

Roman Kloneks Holzschnitte zeigen comicartige Fabelwelten.

Solche Ernsthaftigkeit ist Roman Klonek fremd. Der aus Polen stammende Künstler (Jg. 1969) bezieht die Inspiration für seine Farbholzschnitte aus frühen amerikanischen und osteuropäischen Cartoons, kombiniert dies mit Zitaten aus Popkultur und Folklore, mit Schrift und Ornament. Zu sehen sind totemartige Porträts von Phantasiewesen und hintersinnige Fabeln, in denen es mal naiv-beschaulich, mitunter aber auch deftig zugeht. In den harten Kontrasten dieser Welten entdeckt man einen Spötter mit Herz.

„Jim Avignon, Fehmi Baumbach, Mia Gideon, Roman Klonek“ bis 20. Januar in der Galerie Hühsam, Offenbach, Frankfurter Straße 61. Geöffnet: Mittwoch bis Freitag von 15-20 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 069/810044.

Quelle: op-online.de

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