Gute Form und die Seele der Dinge

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Ines von Ketelhodt hat ihre Ahnengalerie bearbeitet.

Offenbach - Den 500 Exponaten im MAK setzt Offenbachs Klingspormuseum zur gemeinsamen „10. Triennale für Form und Inhalte“ Konzentration aufs Wesentliche entgegen. Als wäre es ein Grundsatzdialog zwischen Frankfurts Größenvorstellung und Offenbachs Bescheidung. Von Reinhold Gries

In den drei Stockwerken des erweiterten Palais-Turms geht es nicht nur um Buchobjekte, sondern auch um gute Form und um die Seele der Dinge.

„Material revisited – 10. Triennale für Form und Inhalte“, bis 13. November im Klingspormuseum. Eröffnung heute um 19 Uhr. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr

Im „Kaminzimmer“ trifft der Besucher vor Stichen, Fotoarbeiten und Künstlerbüchern auf Norman Webers Schmuckobjekte, Ksenia Obukhovas Halsketten und Franz Juliens glasierte Irdenware. Das Motto lautet ja: „Material revisited“ – Material neu entdeckt. Webers Broschenserie „Porträt #1-6“ zeigt illusionistische Effekte und plüschige Farben. Fragil wirken Obukhovas „Hob“- und „Ryob“-Ketten aus Zwirn, 24-karätigem Gold und zusammengekugelten Bibeltexten zu Hiob und Ruth. Dazu passt Anton Würths Kupferstich-Suite „N hoch minus 8“, in welcher der Neu-Offenbacher Robert Nanteuils aristokratisch-barocke Porträtkunst löscht, um noble Leerformeln mit Spiegeln, Kragen und Schädelkalotte zu hinterlassen.

Schmuckobjekt von Norman Weber

„Revisited“ – wiederbesucht – hat Ines von Ketelhodt ihre Vorfahren zurück bis ins 13. Jahrhundert. In ihrem Künstlerbuch „Die bessere Hälfte – eine Ahnengalerie“ sind alle Porträts mittig geteilt und mit dem des Ehepartners zur neuen Person zusammengefügt. Dafür wurden Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche und Epitaphien am Computer bearbeitet und auf Transparentpapier ausgedruckt. Herausragend ist Johannes Strugallas Hommage „Picasso revisited“. Zu Pierre Reverdys Gedichtzyklus „Le Chant des Morts“ hat er den Totengesang in Picassos Zeichensprache übersetzt. Verschlungene, geschichtete oder verdrahtete Pinselstrich-Zitate schaffen neue Kontexte. Ähnlich aufwändig wirkt Peter Malutzkis „Stundenbuch“-Remake im Turmobergeschoss. Aus dem Wolfenbütteler Erbauungsbuch Herzog Augusts des Jüngeren ist der handschriftliche Text fast komplett übernommen. Vorgefundene Bilder sind gerastert, mit Digitalversionen der Handschrift kombiniert und von mehrfarbigen Polymerklischees gedruckt, samt Blattgoldzierrat.

Liebe zu alter Kunst beeinflusst auch Sandra Heinz’ Mappe „herzeliebez frouwelin“: Gesichter und Faltenwurfgewänder des Meisters von Flémalle sind ähnlich liebevoll ausgeschnitten wie Minnelyrik Walthers von der Vogelweide und gemeinsam als Collage aufgenäht. Virtuose Leichtigkeit zeigen dazu Corinna Krebbers Versalien-Staccato und Wortbild-Legato aus kunstvollen Papierschnitten, Dörte Behns „Neuer Raum“ aus hauchzartem Leinengewebe oder Andrea Niekes in Papierwasserzeichen gebannte Erinnerungsfotos, die hinterleuchtet fast imaginär wirken. Mit fernöstlichem Naturblick sammelt Ryoko Adachi ihre Sinne, „from the sky“, um Gesehenes in Japanpapier, Wachs, Batist und Hanfband drei Meter hochzufalten.

Quelle: op-online.de

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