Gutmenschen als Opfer der Lokalpolitik

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Was verbindet Johannes Rosmer (Stefan Maaß) und Rebekka West (Bettina Kaminski)?

Drei mintgrüne Teppichbahnen hängen von der Decke und sind über die Bühne an der Frankfurter Schmidtstraße ausgerollt. Hinter der hellen Vorderansicht ist noch etwas Dunkles. Wie meist bei Henrik Ibsen wurde manches unter den Teppich gekehrt. Von Astrid Biesemeiser

Und wie immer holen die Schatten der Vergangenheit die Gegenwart ein. Als Beschleuniger wirkt in „Rosmersholm“ die Lokalpolitik in Person von Rektor Kroll und Redakteur Mortensgård. Beide wollen Johannes Rosmer für ihre Ziele einspannen. So kommt ans Licht, dass Rebekka West, die mit ihm auf Rosmersholm lebt, nicht unbeteiligt am Selbstmord von seiner ersten Frau war.

Reinhard Hinzpeter entfernt sich mit seiner Inszenierung von Ibsen. Er verzichtet auf Symbolismus, rückt das Stück ins Heute und die Beziehung zugunsten des Politdramas in den Hintergrund. Das Freie Schauspiel Ensemble bringt eine tolle Inszenierung auf die Bühne, in der jeder Satz so klingt, als würden Stefan Maaß, Jürgen Beck-Rebholz, Bettina Kaminski, Michaela Ehinger und Reinhard Hinzpeter (der zwei kurze Auftritte hat) jedes Wort gerade unter sich verhandeln.

Weitere Vorstellungen am 18., 19., 25. und 26. September, 2. und 3. Oktober.

Rosmer und Rebekka leben in einer Idylle zwischen roten Gladiolen. Wie sie genau miteinander verbandelt sind, bleibt lange schön in der Schwebe. Maaß und Kaminski spielen überzeugend zwei Menschen, die zunächst weich und menschlich ihr fortschrittliches Denken verteidigen und dem verbohrten Kroll entgegenkommen.

Zwei Gutmenschen – zu schön um wahr zu sein, wie sich schließlich zeigt. Die Lokalpolitik stört die Idylle. Wenn die Sachargumente versiegen, wird im Privaten gewühlt und damit erpresst. Beck-Rebholz spielt bis in kleine Gesten, Lachen, Irritationen und Tonnuancen den smart und modern wirkenden Rektor, hinter dessen schicker Fassade (brauner Streifenanzug mit rosa-violettem Hemd und Krawatte) ein schlimmer Fanatismus schlummert. Mit kühlem Kalkül stochert er so lange in der Beziehung von Rosmer und Rebekka herum, bis die Wahrheit ans Licht kommt.

Schließlich hat sich alles um 180 Grad gedreht. Die vier Stühle, die zunächst in einer Reihe mit den Sitzflächen zum Publikum standen, haben ein paarmal Ort und Richtung gewechselt. Am Ende stehen sie wieder in einer Reihe, allerdings mit den Lehnen zum Publikum. Die Zeit dazwischen ist dicht, sehr genau gespielt und spannend.

Quelle: op-online.de

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