„Hänsel und Gretel“ an Oper Frankfurt

Märchenhaftes im Armenhaus

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Hänsel (Katharina Magiera, rechts) und Gretel (Louise Alder) beim Freudentanz im Hexenhaus.

Frankfurt - Nur putzig geht nicht. Nicht einmal im Weihnachtsmärchen. So hat denn auch Regisseur Keith Warner Engelbert Humperdincks Märchenspiel „Hänsel und Gretel“ an der Oper Frankfurt mit Kinder-Realitäten der Brüder-Grimm-Zeit abgeglichen. Von Klaus Ackermann

Sein schneller Wechsel von Traum, Magie und Wirklichkeit, von hervorragenden Sängerdarstellern beflügelt, sorgte zur Premiere für zwei Stunden Krimispannung. Dass Humperdincks anheimelnd romantische Musik mit ihren volkstümlichen Wendungen nicht auf der Strecke blieb, da standen Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester vor, auf Wohlklang geeicht, der auch dramatisch drohend das Szenische voranbringt.

Erwärmender Hörnerklang schon zum Vorspiel, dazu Grimms Märchen als Puppentheater für eine spürbar gefesselte Kinderschar. Mit Hänsel und Gretel, die sich schließlich ihrer Marionetten bemächtigen und im tristen Armenhaus des Besenbinders (Ausstattung: Jason Southgate) für Trubel sorgen, in dem sich noch weitere Kinder befinden, darunter auch ein Knabe unter einer Art Sauerstoff-Zelt.

Vor allem Hänsel scheint ein rechter Flegel, greift sogar zur Zigarette und spielt den Möchtegern-Macho – Katharina Magiera ist mit ihrem hellen Alt auch darstellerisch eine Wucht. Ebenso die britische Sopranistin Louise Alder als Gretel, die singt und tanzt und dabei auch noch ihr Marionetten-Pendant in Szene setzt. Krach bekommen die Kinder prompt mit der Mutter, die im Zorn den Milchtopf zerbricht, einziges Lebensmittel im Haus, und die Geschwister daraufhin zum Beerensuchen in den Wald jagt.

Magisch wird‘s im Märchenwald

Heidi Melton leiht dieser trotz Hungersnot eher matronenhaften Gertrud einen wirksam klagenden Sopran – und kompensiert ihren Kummer gern mit einem Schluck aus der Schnapsflasche, der ihr Ehemann ebenfalls eifrig zuspricht. Bariton Alejandro Marco-Buhrmester ist dieser joviale, angeheiterte Besenbinder, dessen Geschäfte so gut laufen, dass er endlich alle satt machen kann, der sich freilich um die Kinder im finsteren Wald sorgt.

Soweit die Realitäten, magisch wird’s im Märchenwald, in den sich Hänsel und Gretel verirren - wie in einen bösen Traum. Hier kann das Sandmännchen – Elizabeth Reiter mit einfühlsamen Sopran – beruhigen. Und beim völlig kitschfrei gespielten und gesungenen „Abendsegen“-Gebet verwandeln sich die beschworenen 14 Engel auf der Himmelstreppe in ebenso viele Kinder-Wohltäter, etwa Sigmund Freud, Pestalozzi, Astrid Lindgren oder Charles Dickens, die einem Wachsfiguren-Kabinett entsprungen sein könnten – nicht zu vergessen: die Brüder Grimm.

Knallharte Fantasy-Action dann im schäbig wirkenden Hexenhaus, das die vom leicht flackernden Sopran der Nora Friedrichs (Taumännchen) geweckten Kinder erreichen, überrascht von einem Hexe und Teufel gleichermaßen verkörpernden Peter Marsh, der die vielen zauberhaften Klamottenwechsel (Kostüme: Julia Muer) gar nicht nötig hätte. Allein seine lockende wie schneidende Stimme verbreitet Angst und Schrecken, was aber nicht ausreicht. Gretels Schubser - und er fällt ins Ofenloch.

Dann wird’s beim allseitigen Happy End im Armenhaus noch einmal märchenhaft bunt, die zurückverwandelten Kinder singen ihren Dankeschoral (Einstudierung: Markus Ehmann), und Weihnachten ist nahe: Märchenbücher erhalten sie als Geschenk – anstatt Handys… Gemessen an den Vielfach-Besetzungen bei Dirigenten und Protagonisten wird für Humperdincks „Hänsel und Gretel“ eine lange Verweildauer auf der Opernbühne erwartet. Allemal zu Recht! Nächste Vorstellungen am 17., 19. und 25. Oktober

Quelle: op-online.de

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