Festival Junger Talente

Am Hafen tanzen die Kräne

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Kunst am Bau: Ausschnitt aus dem Video „L’Oiseau de feu (The Firebird). A Ballet for Tower Kranes“ der Städelschülerinnen Letizia Calori und Violette Maillard.

Offenbach - „What happens in Offenbach stays in Offenbach“ lautet das Motto des „Festivals junger Talente“, das am Wochenende auf dem Hafengelände über die Bühne geht. Studenten von hessischen Kunst- und Musikhochschulen zeigen dabei ihre Arbeiten. Von Carsten Müller 

Wenn Baukräne zu Igor Strawinskys Balllettmusik „Feuervogel“ tanzen, Kandinsky-Grafiken in S-Bahnhöfen entdeckt werden und sich Bewegung in jazzige Musik verwandelt, dann haben junge Künstler aus der Rhein-Main-Region ihre Hände im Spiel. 40 Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), von Städelschule, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK), Goethe-Uni und Hessischer Theaterakademie in Frankfurt sowie dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen verwandeln das Hafengelände vom 19. bis 21. September in eine große Bühne für Kunst, Musik, Tanz und Theater. Außengelände, Ölhalle, Lokschuppen, Box-Klub und die EVO-Halle werden unter der Regie der niederländischen Kuratorin Roos Gortzak mit einer Ausstellung und temporären Arbeiten bespielt.

Für die Frankfurter Galeristin Heike Strelow vom Verein für Kunstförderung Rhein-Main, der das abwechselnd in Frankfurt und Offenbach stattfindende Festival ausrichtet, ist das am Main gelegene Quartier ein idealer Schauplatz, weil dort die Zeichen auf Umbruch und Neugestaltung stehen. Das Zusammenwachsen von Offenbach und Frankfurt sei beispielhaft für den Brückenschlag, den das Festival auf der Ebene der Hochschulen betreibt. Roos Gortzak hat dazu aus 90 Bewerbern vierzig Studenten ausgewählt, die sich in Seminaren und Workshops mit etablierten Künstlern auf die Festival-Präsentation vorbereitet haben.

Brücke zur Kunstwelt

„Es ist wichtig, dass eine Brücke zur Kunstwelt geschlagen wird“, betont Roos Gortzak, die acht Künstler beauftragte, Vorgaben für die Seminare zu entwickeln, sogenannte „Instructions“. Die reichen von der lapidaren Aufforderung: „Do not read this instruction“ von Ross Birrell bis hin zu Will Holders Aufforderung, die „Sonic Meditations XIV“ von Pauline Oliveros aufzuführen, ein Spiel mit Stimme und Tonhöhe. Gruppendynamische Prozesse in den mit Studenten aller Hochschulen besetzten Seminaren waren erwünscht. Und es ging auch um die künstlerische Praxis: „Ich bin nicht daran interessiert, fertige Arbeiten zu zeigen, sondern Werke in verschiedenen Zuständen zu dokumentieren“, erklärt die Kuratorin.

Festival junger Talente vom 19. bis 21. September auf dem Offenbacher Hafengelände. Geöffnet: Freitag 19-24 Uhr, Samstag und Sonntag 13-24 Uhr. Weitere Infos unter: 2014.festivaljungertalente.de

„Dass sechs Akademien miteinander arbeiten. ist für mich als Künstler aus der Region der wichtigste Aspekt des Festivals“, sagt Adrian Williams, die aus den USA an die Städelschule kam und in Frankfurt Wurzeln geschlagen hat. „Man kam, stellte aus und ging wieder“, erinnert sich die Städelabsolventin des Jahres 2006 an frühere Auflagen des Festivals. Williams hat mit zwölf Studenten sowie der Choreographin Allison Brown und dem Komponisten Theodor Köhler „Exercises“ entwickelt, eine zweistündige Improvisation, bei der Bewegungen in Musik umgesetzt werden. Die Akteure hören und reagieren aufeinander. „Das ist wie Free Jazz“

Letizia Calori und Violette Maillard von der Frankfurter Städelschule entwarfen für „L’Oiseau de feu (The Firebird). A Ballet for Tower Kranes“ eine Choreographie für zwei Baukräne am Hafenpier, direkt gegenüber dem Festivalcenter am Lokschuppen, die sie auf Video festhielten. Auch eine andere Arbeit schlägt den Bogen zur Hafenbebauung. So ließ die Österreicherin Lisa Hopf (HfG) in „To immure a piano“ ein Instrument in die Wand einer Tiefgarage der neu entstehenden Häuser einbauen. Die poetische Geste zitiert Fluxus-Kunst, das zertrümmerte Piano eines John Cage und die Tradition des Bauopfers.

„The Future of Offenbach“

Einem „Kunstskandal“ ist Marina Kampka mit ihrer Arbeit „The Future of Offenbach“ auf die Spur gekommen. An den Wänden der Offenbacher S-Bahnhöfe entdeckte sie zufällig Plagiate von Kandinsky-Grafiken. Dies nahm sie zum Anlass, die Entstehungsgeschichte der S-Bahntrasse, die Debatte um die künstlerische Gestaltung der Bahnhöfe, aber auch die Bedeutung der Verkehrsader für die Stadt aufzuarbeiten. Das Spiel zwischen Utopie und Realität, die Frage nach dem Was-wäre-wenn hat die HfG-Studentin inspiriert.

Das Abschlusskonzert gebührt der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA), die in Offenbach einen von zehn Auftritten mit zeitgenössischer Kammermusik unter anderem von Helmut Lachenmann, Jan Kohl und Iannis Xenakis bestreitet. Steve Reichs „Clapping Music“ dient dabei nicht nur als Prüfungsaufgabe für den IEMA-Masterabschluss und als Vorlage für das von Marc Spradling für zwei Tänzer der HfMDK übersetzte Tanzstück „The Clap“, sondern markiert in zwei Aufführungen Beginn und Ende des Festivals. Der Beifall ist also sicher.

Quelle: op-online.de

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