Nichts wissen ist das neue Wissen

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Filmemacher Jos Diegel vor dem Hafen-Kino.

Offenbach - Seit 2008 versucht das „Lichter-Filmfest“ einmal im Jahr als Festival die Vernetzung regionaler Filmschaffender zu fördern. Von Claus Wolfschlag

Dass davon auch Ableger in Offenbach profitieren können, zeigte sich im Hafen2, wo der außerhalb des Wettbewerbs laufende Streifen „Kein Heldentum und keine Experimente. Wir rufen gerne ein Taxi… Taxi!. . . Taxi!“ uraufgeführt wurde. Es ist dies der einzige Offenbacher Beitrag zum Festival, und manch bekannter Kreativer aus der Lederstadt taucht unter den Namen der Mitwirkenden auf.

Regisseur und Drehbuchautor Jos Diegel wurde 1982 in Offenbach geboren und erhielt 2010 sein Diplom in den Bereichen Film und bildende Kunst an der Hochschule für Gestaltung. Den ungewöhnlichen Titel seines Films hatte er 2009 auf einer Speisekarte in Jena entdeckt. Es war der Text eines Cartoons, der offenbar trinkfreudige Gäste vom Auto fahren abhalten sollte. Seinen Film bezeichnet er selbst als „episodenhaft“ und „postdramatisch“. Das heißt übersetzt, dass man keinen roten Handlungsfaden erwarten kann. So sieht der Betrachter nur aneinandergereihte Szenen. Da ist ein die Straße kehrender Tierpfleger, der cholerisch wird, ein hektischer kleiner Polizist, eine Reporterin, die ein Taxi ruft.

Man sieht ein einstiges Bordell am Kaiserleikreisel, den Offenbacher Hauptbahnhof, den Frankfurter Zoo oder das bekannte Programmkino „Mal seh´n“. Ansonsten begegnen einem eine Reihe von Schauspielern, die bisweilen sinnlose Gesten und Handlungen vollziehen, sich ansonsten in intellektuell anmutenden Diskussionen verlieren. Da ist von der Machtfrage die Rede, von der Fantasie, von Alternativen, Interessen, Kreativität und Aggression, von Unterdrückung, Revolution und dem vagen Wunsch nach einer nicht näher definierten „Veränderung der Welt“. Man wähnt sich in die diskursiven Endlosschleifen der 70er Jahre zurückversetzt.

Jos Diegel hat bewusst einen Anti-Film geschaffen, der aus einem einzigen schnellen Fluss von Wortkaskaden besteht, die auf den Betrachter einströmen. Doch ist das Medium Kino nicht für die Verarbeitung von so viel geistigem Inhalt in solch kurzer Zeit geeignet.

Immer wieder tauchen in dem Film Spitzen gegen das so genannte „Mainstream-Kino“ auf. Dieses mache die Menschen zu passiven Betrachtern von Traumbildern, halte sie somit von der aktiven Veränderung der Welt ab. Das ist diskutabel, doch ob die „betrügerischen“ Arbeiten der Traumfabrik wirklich unpolitischer sind, als das Anti-Kino, müsste belegt werden. Schließlich erreicht die Unterhaltungsindustrie die Gefühle der Menschen, das Anti-Kino meist nicht einmal die Köpfe.

Diegel betont, keinen didaktischen Anspruch zu haben. Und auch bei seinen eigenen Auftritten im Film schweigt er fast durchgängig. Das legt die Frage nahe, ob sein Werk womöglich als Satire auf den verkopften Universitätsbetrieb mit seinem Hang zur Hyper-Intellektualisierung gedacht war. Schließlich reden auch manche Darsteller über Weltveränderung, während sie vor tristen Hochhausblöcken und Autobahnen posieren, die einst gerade aus solch utopischem Anspruch entstanden sind.

Man könnte den Film also als Groteske betrachten, doch in diesem Fall ist das Format nicht glücklich gewählt. Ein Kurzfilm hätte die Problematik viel prägnanter fassen können. Manch gelungene, auflockernde Szene hätte so auch stärkeren Nachhall erhalten, etwa das schöne Zitat: „Nichts wissen, das ist das neue Wissen.“

Quelle: op-online.de

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