Inmitten der Verworfenheit

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Androgyner Hamlet: Bettina Hoppe.

Frankfurt - Ein Spiegelsaal, weiß, mit flacher Decke, nach hinten über Treppenstufen in die Tiefe abfallend. Wenn die Schiebetüren am Ende und die Klappelemente an den Seiten geöffnet und wieder geschlossen werden, beginnen die Spiegel zu vibrieren. Von Stefan Michalzik

Die Bilder, die sich darin reflektieren, verzerren sich, die Welt wird für einen Moment in einen fluiden Zustand versetzt.

Der Einheitsraum, den Hansjörg Hartung für die Inszenierung von William Shakespeares „Hamlet“ im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels entworfen hat, lässt sich als das Innere des Kopfs der Titelfigur auffassen. Intendant Oliver Reese hat Hamlet weiblich besetzt, nach einer Tradition, die sich bis zu Sarah Bernhardt zurückverfolgen lässt. Bettina Hoppe tritt als androgyne Gestalt im schwarzen Reitanzug in Erscheinung. Immer wieder im Verlauf des Abends hämmert sie Stakkatoakkorde in einen Flügel und singt ätzende Chansons.

Ihr Spiel ist seziererisch nüchtern. Ein Hamlet mit zerquält-zerfurchter Stirn, angetrieben von der schneidend-patriarchalen Erscheinung des von Felix von Manteuffel gespielten Vaters. Hamlet ist der sehende Zauderer angesichts der ihn umgebenden Verworfenheit, derweil er zugleich planvoll Rosenkranz und Güldenstern – Mathias Reinhardt und Christian Bo Salle als ironische Alberlinge in Goldanzügen – zur Aufführung des anklägerischen Stücks im Stück anhält, das sie als melodramatisches Singspiel geben.

Parade der brillierenden Schauspieler

Dieser Abend ist eine Parade der brillierenden Schauspieler. Claudius, der Hamlets Vater umgebracht, die Mutter geheiratet und sich auf den Thron gesetzt hat, wirkt bei Till Weinheimer eher charakter- als skrupellos. Stephanie Eidt gibt Mutter Gertrud mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Präsenz. Peter Schröders Hofrat Polonius ist ein wendiger Schnellsprecher aus dem Geist der Komödie.

Quer durchs Ensemble wird klar artikuliert; immer wieder kommt es zu klassischen Ausbrüchen. Reese arbeitet präzise am Text entlang, er lässt der Sprache Raum. Die geschmeidig-gewitzte Neuübertragung Roland Schimmelpfennigs wahrt modernismenfern und schlackenlos den Kunstton. „Leben oder nicht leben, das ist hier die Frage“, so lautet hier einer der berühmtesten Sätze der Theaterliteratur.

Dieser Theaterarbeit ist ein schulmeisterlicher Zug eigen. Inhaltlich bleibt sie vage, formal stimmt alles, von einer mätzchenhaften Reich-Ranicki-Parodie Hamlets abgesehen. Reese inszeniert so pflichtschuldig, wie er das Haus leitet. Dieser Hamlet birgt keine Überraschung. Ästhetisch liegt er im Trend einer Neuen Schlichtheit. Nichts Kapriziöses, keine kühnen Einfälle. Bühne, Text, Schauspieler, sonst nichts; von der Spannung her trägt das über mehr als dreieinhalb Stunden. Der Schlussbeifall wirkte eher respektvoll als begeistert. Da ist nichts, was einem über schiere Ansehnlichkeit hinaus tatsächlich nahe käme, das unvergesslich bliebe.

Weitere Aufführungen: 9., 15., 18., 19. und 25. Dezember.

Quelle: op-online.de

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