In den Fängen rigider Religion

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Johanna (Sarah C. Baumann, vorn) spricht viel mit Gott (Birgit Schön), dem der Vorname „Lieber“ nicht gefällt.

Offenbach - Kindheiten gibt es, die möchte niemand geschenkt haben. Eine, wie sie Johanna gehabt hat, unter der Fuchtel eines starr christlichen Vaters. Von Markus Terharn 

Wie sie als erwachsene Frau verzweifelt sucht, sich los zu strampeln: Das zeigt „Hand in Hand“, die aktuelle Eigenproduktion im Offenbacher t-raum. Alles beginnt mit einem Knalleffekt. „Dann nimm deinen Sohn, den Benjamin, den einzigen, den du lieb hast, geh mit ihm auf die Straße und lass ihn unter die Räder kommen.“ Das erinnert nicht zufällig an Gottes Weisung, dass Abraham seinen Sprössling Isaak schlachten solle. Biblische Zitate, lutherisch klares Deutsch prägen diesen Theatertext, den Sarah C. Baumann aus Claudia Schreibers Roman „Ihr ständiger Begleiter“ gefiltert und auf ihre Bühne gebracht hat.

Ob Gott Johannas Opfer – alternativ das ihres eigenen Lebens – angenommen hat, bleibt vorerst offen. In einer Zeit oder Welt zwischen Dies- und Jenseits lässt sie gedanklich ihr irdisches Dasein passieren. Die Zuschauer im nur 36 Plätze fassenden Raum folgen ihr gebannt. Es ist ein Gang durch eine Vorhölle. Alles, was Spaß macht, ist des Teufels: Jeans, Rolling Stones und Beatles, Fußball. Was zählt ist einzig totaler Gehorsam gegenüber dem Vater, dem im Himmel wie dem auf Erden.

Als ihre eigene Hauptdarstellerin arbeitet Baumann viel mit dem Körper, teils in regelrechten Choreografien. Gestisch und mimisch drückt sie das Leiden an der Familie aus, deren Mitglieder sie mit stimmlichen Mitteln abbildet: den strengen, früh verwitweten Erzeuger, ihre Brüder Markus und Lukas und einige andere. Aber wenn die Geschwister die Namen von Evangelisten tragen: Wo ist der Älteste, Matthäus? Solche Leerstellen, solche Fragen sind zahlreich in dem Stück. Das dem Rezipienten einiges abverlangt und, unterstützt durch die Enge der Örtlichkeit, vermutlich unerträglich beklemmend wäre – wenn es nicht immer wieder Humor aufblitzen ließe!

Dafür sorgt ausgerechnet Gott, bezeichnend in ein buntes Narrenkleid gehüllt und mit Birgit Schön eher milde von einer Frau gespielt. Er ist jener „ständige Begleiter“, mit dem Johanna „Hand in Hand“ geht. Er folgt ihr bis aufs Klo, sieht ihr sogar beim Sex zu. Aber er lässt mit sich reden. Und in dem Maß, in dem sie sich von ihm löst, offenbart er menschliche Züge, gipfelnd in der großartigen Schlussansprache.

Das Publikum ahnt: So ein Werk trägt autobiografische Züge. Tatsächlich ist Claudia Schreiber unter Baptisten aufgewachsen, in Zwängen, die dem oft kritisierten islamischen Fundamentalismus wenig nachstehen. Trotz des erfolgreich verfilmten internationalen Bestsellers „Emmas Glück“ hält sie die Geschichte einer Selbstbefreiung aus rigider Religiosität für ihr wichtigstes Buch. Eine Einschätzung, die in dieser Inszenierung nachvollziehbar ist; wovon sich die Autorin bei der zweiten Aufführung selbst überzeugt hat. Der Beifall hält lange an, der Nachhall noch länger.

Quelle: op-online.de

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