„Des Teufels General“ an den Kammerspielen

Harras gleicht Hamlet

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Kriegsheld als Zauderer: Lisa Stiegler und Martin Rentzsch in der Frankfurter Neuinszenierung des Zuckmayer-Klassikers.

Frankfurt - Eingeschlossene sind sie alle miteinander. Kein Entrinnen. Es ist ein hermetisch dichtes Kellerloch, in das sie gesperrt sind, sämtliche Schauspieler den ganzen zweistündigen Abend über. Von Stefan Michalzik

Alles ist schwarz in diesem Karton, den die Bühnenbildnerin Nehle Balkhausen für Christoph Mehlers Inszenierung von Carl Zuckmayers Nachkriegsklassiker „Des Teufels General“ an den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels entworfen hat, die Kleidung eines Großteils der Akteure auch. Das spärliche Licht fällt anfänglich durch Lüftungsschlitze herein, die Streifen auf den Boden werfen.

Es wird viel geraucht, vom Trinken aber ist nur die Rede, real ausgeschenkt wird nichts. Mehler hat den reichlich vorhandenen Realismus-Rahm von dem 1946 in Zürich herausgebrachten Stück abgeschöpft, das Zuckmayer während des Zweiten Weltkriegs im US-Exil ohne Aussicht auf eine Aufführung verfasst hatte. Entgegen der Intention des Autors vereinnahmten die Deutschen den Luftwaffengeneral Harras, einen hedonistischen Freigeist, der sich ohne Überzeugung in den Dienst der Nazis stellte, als einen Entlastungszeugen für ihre kollektive Unschuld. Die Verfilmung durch Helmut Käutner mit Curd Jürgens münzte den Mitläufer gar zum Widerständler um. In einer 1967 in Berlin uraufgeführten überarbeiteten Fassung, die nun auch in Frankfurt gespielt wird, hat Zuckmayer die Position der antipodischen Figur des tatsächlichen Widerständlers Oderbruch gestärkt.

Es sind immer wieder andere Lichtwirkungen (Jan Walther), mit denen die Figuren bloßgelegt werden. Nicht selten bleiben Gesichter im Schatten. Niemand trägt Nazibraun, die Andeutungen an Uniformjacken, die in Janina Brinkmanns Kostüme eingeschrieben sind, gehen nicht über die in der Mode üblichen Anklänge hinaus.

Dieser Harras, wie Martin Rentzsch ihn spielt, ist nicht der schneidige Haudegen. Er wirkt wie ein Intellektueller unserer Tage. Ein Zivilist durch und durch, ein hamletgleicher Zauderer. Einmal zieht er sich bis auf die Unterhose aus. Unglaublich alt wirkt sein Körper in diesem Moment, er lässt Vergeblichkeit spüren. Die Männerkumpanei – eine Umarmung mündet in einen homoerotischen Kuss – scheint so wenig seine Sache zu sein wie die Uniform: Er trägt ein weißes Hemd von salopper Eleganz über dem Hosenbund.

Schlaglichtartig sind die Blicke auf die Trabanten um Harras herum, ein kurzer Moment, und die Haltung liegt offen. Da ist alles präzis gesetzt, quer durchs Ensemble. Der Komisston von Isaak Dentler als Heldenflieger Eilers bleibt zitathaft. Oderbruch, der Ingenieur, der Sabotage an Wehrmachtsmaschinen begeht, derentwegen Harras bei den Nazis in die Bredouille gerät, scheint in der Gestalt von Thomas Huber einer Notwendigkeit des Widerstands zu gehorchen, heldenhaft ist auch er nicht. Andreas Uhse gibt die Operettendiva Olivia, die für das Regime spielt, aber einen Juden retten will, als untuntige Travestie. Franziska Junge hält die überzeugte Naziparteigängerin Pützchen in burschikos-mondäner Schwebe. Es hat viel der Nervenschauspielerei, des unmittelbar körperlichen Ausdrucks von innerem Drang, besonders bei Lisa Stiegler als Diddo, der Geliebten Harras’.

Weitere Aufführungen 29. November und 10. Dezember

Zuckmayer als Licht- und Schattenspiel im Stil des Film noir: Das geht auf. Christoph Mehler stellt eine analytische Distanz her, des Psychologisierens enthält er sich. Es ist der Mensch als gesellschaftliches Wesen, das ihn interessiert. Bei Mehler ist das nicht primär ein Drama der Nazizeit, auch nicht eines der Adenauerära wie einst bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. Hier geht es in einem schon beinahe existenzialistischen Sinne um das ewige Motiv von Verstrickung und Schuld.

Quelle: op-online.de

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