Harte Brocken statt Häppchen

Frankfurt - Beim Dinner-Theater ist das Angebot, kulinarisch betrachtet, wesentlich opulenter. Immerhin aber wird man zu Beginn dieses Abends, für den die sonst meist nur im klassischen Theater erreichte Länge von vier Stunden annonciert ist, mit Sandwiches und Diät-Cola versorgt. Von S. Michalzik

Es bedient ein Paar in gelben T-Shirts mit rotem Aufdruck. Die Frau mit der exzentrisch wirren Hochsteckfrisur und der glatzköpfige Mann mit dem Schnäuzer, beide Mitte dreißig, sind Kelly Cooper und Pavel Liska, die Mitbegründer und konzeptionellen Köpfe des Natural Theater of Oklahoma, einem der New Yorker Avantgarde zugehörigen Ensemble, das sich zum Liebling der europäischen Festivals entwickelt hat.

Das Drama, oder vielmehr die Dramen, spielen sich in der Textquelle zu dem Stück „No Dice“, mit dem die Gruppe im Frankfurter Mousonturm gastierte, in der Sphäre des vermeintlich Privaten ab. Die Ensemblemitglieder haben Telefongespräche mitgeschnitten, die sie mit Freunden und Verwandten geführt haben. Menschen reden. Über Sorgen, Nöte und Träume. Über ein Moskauer Katzentheater, über Fernsehsucht und Diäten. Über den Besuch in einem Dinner-Theater. Kelly Cooper hat aus einhundert Aufnahmestunden einen Text verfertigt, in dem es kreuz und quer durcheinander geht, ohne die Spur eines Handlungsstrangs.

Es wird auch getanzt

Die drei Hauptprotagonisten sind wie alle Mitglieder des, rechnet man die Gastauftritte der Regisseure mit, siebenköpfigen Ensembles kostümiert wie im Karneval. Gesprochen wird zunächst mit unterschiedlichen ausländischen Akzenten, die sich aber allmählich verlieren. Die überzogene Spielweise leitet sich vom Fernsehen her. Immer wieder kommt es zu Disco- und anderen Tanzszenen. Nichts passt im herkömmlichen Sinne zusammen. Aus dieser Differenz entstehen komische Effekte.

Es wird über die Widernisse des Theatermachens in unserer Zeit gesprochen, über Geldnot, über die Schwierigkeit, die Leute zu erreichen. Ironisch sagt jemand, es bleibe am Ende wohl nur noch die Möglichkeit, wohlgefällige Häppchen beim Dinner-Theater zu servieren. Die Rede ist auch vom Schwinden der allgemein verbreiteten Fähigkeit des Erzählens in Zeiten des Fernsehens, das mit seiner fortwährenden Erzählung eine Tradition zunehmend allein für sich beansprucht.

Einem von der Gruppe verbreiteten Mythos nach ist der vierstündige Abend die komprimierte Version eines ursprünglich elfstündigen Originals. Das aber hat es nie gegeben, und im übrigen dauerte die Vorstellung dreieinhalb Stunden. Langweilen muss man sich nicht. „No Dice“ verbindet avantgardistischen Anspruch mit trashigem Humor. Dergestalt kann man auch Brocken anstelle von Happen servieren, mit schlichten Sandwiches anstelle des Dinners, praktisch in Umkehrung der Idee des Dinnertheaters.

Quelle: op-online.de

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