Hartz IV als Chance und Kinder als Armutsrisiko

Er ist weit gekommen, der Unternehmensberater, der – in teuren Zwirn gekleidet – in der Business Lounge des Münchener Flughafens gestrandet ist. Bis in die Chefetage der Munich Consulting Company 2000. Am Ende nützt ihm das nichts. Denn der eiskalte Karrierist, den Bruno Jonas in seinem Soloprogramm „Bis hierher und weiter“ skizziert, legt eine wahre Bauchlandung hin. Von Maren Cornils

Auch ohne drohende Korruptionsklage, die aus Hubert Unwirsch, der für die Entlassung von 2000 Mitarbeitern verantwortlich ist, einen Getriebenen macht, bekommen die Zuschauer im Capitol Offenbach bald Mitleid mit dem arroganten Gernegroß. Was der Berater mit abgebrochenem Theologie- und sechswöchigem BWL-Studium mit stolzgeschwellter Brust und Siegerhabitus von sich gibt, sind nicht nur mit Englisch-Brocken (Cost Cutting, Prac tice Flow) versetzte Plattitüden. Es entlarvt auf traurige Weise die Menschenverachtung der Finanzjongleure und Berufsspekulanten. „Sehen Sie Hartz IV als Chance“, rät Unwirsch der weinenden Frau eines Entlassenen am Handy, um sich gleich darauf zu echauffieren: „Zwei Kinder – wie kann man aber auch so verantwortungslos sein? Wo doch jeder weiß, dass beim zweiten Kind das Armutsrisiko beginnt!“

Jonas gibt Unwirsch als Mischung aus naivem Emporkömmling („Als Unternehmensberater müssen Sie auch mal Dinge tun, von denen Sie keine Ahnung haben. Und glauben Sie mir, in dem Bereich macht mir so schnell keiner was vor“) und eiskaltem Sanierer. Wenn eine gesunde deutsche Firma nach Einschaltung der Berater binnen kurzem zur verschuldeten Beute eines US-amerikanischen Private-Equity-Unternehmens wird, gibt das Einblick ins Portfolio schmutziger Tricks. Abgeguckt hat Unwirsch sie sich bei seinem Duzfreund „Joe“ Ackermann, den er deshalb bewundert, weil er „ein so gelungenes Beispiel für eine Karriere mit Migrationshintergrund“ ist.

Jonas plaudert nicht nur eitel über seine Deals. Er philosophiert auch über anderer Leute Probleme und deren Lösung. Griechenland würde er durch Verkauf der Akropolis nach Bayern sanieren, mit Stoiber als Insolvenzverwalter. Dann macht er sich für einen EU-weiten Mindestlohn stark, um Sekunden später die Verlagerung einer Mischbatterieproduktion nach China als Akt der Nächstenliebe zu deklarieren: „Wir haben von 4000 Arbeitsplätzen in Deutschland 2000 an die Agentur für Arbeit vermittelt und im Zuge der Wirtschaftsförderung 2000 neue in China aufgebaut.“

„Bis hierher und weiter“ ist eine Ein-Mann-Schau mit einem grandiosen Jonas, der den seelenlosen Consulter perfekt verkörpert und immer wieder mit dem Publikum interagiert. „Das wird kein leichter Abend für Sie“, kündigt er an. Und jeder Menge Zurufe zum Trotz beweist der Kabarettist ein ums andere Mal, dass er die Kunst der spontanen Pointe beherrscht. Ein vor Sarkasmus triefender Abend, nicht so weit von der Realität entfernt, wie man sich das wünschen würde...

Quelle: op-online.de

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