Hasslied auf Heimat und Hochgebirge

Frankfurt - Minimalist liest Übertreibungskünstler: Dieser scheinbare Widerspruch bürgt im Schauspiel Frankfurt für einen spannenden Abend. Im ausverkauften Großen Haus erweist sich der Schauspieler Bruno Ganz als idealer Interpret des Weltbeschimpfers Thomas Bernhard. Von Markus Terharn

Der schildert in seinem Roman „Der Untergeher“ (1983) den Werdegang dreier Konzertpianisten. Einer trägt den realen Namen Glenn Gould; er erreicht Vollkommenheit. Der Erzähler monologisiert. Und Wertheimer geht unter, erhängt sich 100 Meter vor dem Haus seiner Schwester, die sich ihrer Unterdrückung durch Heirat entzogen hat.

Diesen geschickt gestrafften Text, ein Fest für jede Rampensau, trägt Ganz leise, mit sanfter Stimme, aber unerbittlich im Ton vor. Der Träger des Ifflandrings muss nicht viel tun, um zu wirken. Er fasst sich kurz, wie bei der Begrüßung („Guten Abend“) und bei seiner Reaktion auf die Huster („Ja, scheußliches Wetter“). Weit davon entfernt, die Vorlage auswendig zu kennen, präsentiert er sie frisch wie eine Erstlektüre.

Humoristische Höhepunkte sind die Bernhardschen Hasstiraden gegen Gastzimmer und Züge seiner österreichischen Heimat, gegen Passau, Salzburg, Vorarlberg und die Schweiz, vom Eidgenossen Ganz lustvoll deklamiert. Der delektiert sich an Wortneuschöpfungen wie „Hochgebirgsstumpfsinn“. Er zelebriert die Wiederholungen und Abwandlungen, die auf das musikalische Prinzip von Bachs „Goldbergvariationen“ zurückgehen. Und vergisst nie die strukturierenden Einschübe „so er“ und „dachte ich“. Prosa von tiefer Intensität, auf 75 Minuten verdichtet und mit begeistertem Beifall gefeiert: Das Publikum war Zeuge einer Sternstunde!

Quelle: op-online.de

Kommentare