Der Natur eine Form gegeben

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Menschenleer ist Karl-Heinz Steibs „Bergdorf“ aus dem Jahr 1982.

Offenbach - „Kunst lässt sich nicht erzählen, man erkennt sie an, man liebt sie, oder man ist dagegen“, schrieb der 1922 in Erfurt geborene Maler und Grafiker Karl-Heinz Steib, seit 1956 in Offenbach lebend und wirkend. Von Reinhold Gries

Schaut man in die Industriehalle des Hauses der Stadtgeschichte, wo das malerische Lebenswerk des Meisterschülers von Karl Schmidt-Rottluff stimmig aufgeblättert ist, kann man seine Kunst eigentlich nur lieben. In über 50 Exponaten – Ölgemälden, noch nie gezeigten Monotypien, großformatigen Aquarellen und handkolorierten Radierungen – öffnet sich eine ganz eigene Naturgeschichte.

Die hat sich Steib systematisch erarbeitet: bei zahlreichen Besuchen mit seinem Großvater in Berliner Museen, als Kartenzeichner während erzwungener Armeezeit, als Modezeichner in mütterlicher Werkstatt, als Litho- und Chemigraph in Berlin, Mainz und bei Offenbachs Schriftgießerei Gebr. Klingspor.

Expressive Farbgewitter in „Fahrendes Volk“ aus dem Jahr 1965

Das Studium an der Berliner Hochschule für Bildende Künste stellte ab 1946 Weichen. Steibs Briefwechsel mit Expressionisten-Übervater Schmidt-Rottluff und seine Biografie „Mein Weg zur Kunst“, in der auch Klee-Schüler Maximilian Debus als Lehrer eine Rolle spielt, geben Aufschluss: „Sie gaben mir bei meiner Arbeit die Überzeugung, dass die Natur als unser unmittelbarer Lebensraum die vielfältigsten Möglichkeiten schöpferischer Interpretation in sich birgt“. Impulse kamen auch von Botaniker Kraft von Malzahn: „Sie drücken bildlich das aus, was ich sagen wollte.“

Keine Menschen weit und breit

„Ich habe versucht, der Natur eine Form zu geben“, fasst der fast 89-Jährige das beim Blick über satte Grün-, Blau-, Rot- und Ockertöne seiner Gemälde zusammen. Darin findet man sehr eigene Formen, im „Stilleben“ von 1954, von Werkkunstschul-Direktor Henry Gowa bei der Pariser Biennale 57 präsentiert, noch kubistisch, in raffinierter Perspektive der Interieurs schon durchlässiger. Ab den 60ern machte Steib internationale Karriere als Grafiker, erhielt französische und deutsche Stipendien, 1969 das „Diplom d´Honneur Monte Carlo“.

Schlüssig kann man verfolgen, was das BOK-Mitglied „Gewordensein“ nennt, das sich in oft mediterranen Szenerien spiegelt. Das edle Kolorit subtiler Farbradierungen wie „Pinie auf Ischia“ und farbakkordischer Gemälde wie „Bergdorf“, „Trientiner Landschaft“ oder „Große Blattpflanze“ vermittelt Frische und Harmonie. Da ist es kein Zufall, dass man in Steibs unberührt bis visionär wirkenden Paradiesen keine Menschen trifft. Zwischen Figuration und Abstraktion pendeln duftige Monotypien wie „Im Profil“ oder „Landschaft mit Bäumen“.

„Karl-Heinz Steib: Figuration und Abstraktion“ bis 27. Februar im Haus der Stadtgeschichte. Eröffnung am Sonntag. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr

Bis es zu solch lyrischen Kompositionen kam, führte Steib expressive, Kämpfe mit Material und Motiv. Aus diesem Gären entstand sinnvolle Ordnung: in der Monotypie „Verknüpfung“, in kunstvoll verzwiebelter „Gartenlandschaft“, in flimmerndem Pinselschlag-Panorama „Fernöstliche Impression“ oder in gespenstischem Getümmel von „Fahrendes Volk“. Auch in „Spiegelung im Blau“ und „Morgen, Mittag, Abend“ brodelt Steibs Farb- und Formlabor abstrakt. Davon profitieren vollkommene Aquarelle wie „Der Feuerberg“, „Am See“, „Kosmisches Ereignis“, „Herbstblätter“ oder „Blütenflug“.

Quelle: op-online.de

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