Heikel und bewegend

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Pelusa Petzels Chile-Reminiszenz vor den Selbstporträts von Katja M. Schneider und Michaela Haas’ Fluglärm-Installation.

Offenbach - Mut bewiesen der Bund Offenbacher Künstler (BOK) und Kuratorin Rosita Nenno bei der Wahl des Mottos ihrer Gruppenausstellung in Offenbachs Heyne-Kunstfabrik: Gewalt. Von Carsten Müller

Der Bogen ist weit gespannt: von institutioneller Gewalt, bis hin zur subtilen, individuell erlebten.

Pelusa Petzel arbeitet ihre chilenischen Wurzeln in der Klang-Installation „Testimonium“ aus weiß wogendem Tüll und aufgespanntem Schirm auf, untermalt von einer Geräuschkulisse, die an ein Foltergefängnis des Pinochet-Regimes, die Villa Grimaldi, erinnert. Das Haus wurde der Diktatur seinerzeit von den Besitzern im Austausch gegen ihre inhaftierte Tochter übereignet. Schwere Schritte, Türenschlagen, Schließgeräusche erzeugen bedrückende Atmosphäre.

15 Stadien eines Veilchens

Nebenan hat Michaela Haas die Alltagsgewalt des Fluglärms über Offenbach zur Ton-Bild-Installation gefügt. Eine Schnur mit Zitaten von Betroffenen und Akteuren führt in die konzentrische Höhle aus Gouachen und Stofffiguren, die einer eigenen Mythologie zu entstammen scheinen und mit Fundstücken aus der Natur zum intimen Innenleben verschachtelt wurden.

Offensiver geht Katja M. Schneider in ihrer fünfzehnteiligen Serie von Selbstporträts „Und das verändert alles“ zur Sache, die Folgen eines Faustschlag in allen schillernden Stadien schildernd. Aber nicht nur das „Veilchen“ verändert sich in dieser Zeit. Auch der Ausdruck der Porträtierten auf den Acryl-/Öl-Gemälden wandelt sich von Traurigkeit zu Selbstbewusstsein.

„Die kleinste Zelle“ sind für Petra Maria Mühl klaustrophobische Verliese, in denen Kinder von Erwachsenen, Frauen von Männern, gefangen gehalten und missbraucht werden. Sie hat Fotos kleinbürgerliche Tatorte mit einer großformatigen Innenaufnahme eines solchen Gefängnisses verbunden, davor ein roher Tisch mit in Bindfaden-Gespinst gefesselten vier Wänden, über dem eine rohe Glühbirne baumelt – aus den Lautsprechern erklingen Zitate eines Entführers.

Robert-Gernhardt-Preisträger Frank Witzel setzt sich im Schwarzweiß-Film von Norbert Schliewe der Tortur einer Begutachtung seiner Zeichnungen aus. Eine im Halbdunkel sitzende Frau fasst die Blätter mit Einmal-Handschuhen an, der Rhythmus ist konstant. Skurrile Wesen und Figuren, Folterinstrumente sind zu sehen. „Selbsterniedrigung, Selbsterhöhung, Selbsterledigung“ hat Witzel die Arbeit getauft, für die er auch Musik schrieb.

Reminiszenz an unvergessene und vergessene Heldinnen

Heide Khatschaturians Kreuzweg einer Patientin.

Nach innen gerichtet ist gleichfalls der Blick in Heide Khatschaturians Installation „Dann wird gewusst“, die das Ausgeliefertsein von Patienten im Krankenhaus zum Thema hat. 22 Einmalschutzkittel drapierte sie auf zwei Kleiderständer, den tunnelartigen Raum dazwischen markieren vier Standvitrinen, in denen rostige Schlüssel und vergilbte Dossiers aufgereiht sind – wie die Stufen einer Entmündigung. Schließlich in Farbe getauchte Röntgenbilder. Ein persönlicher Akt der Selbstbefreiung.

„Gewalt“ noch bis 28. September in der Heyne-Kunstfabrik, Offenbach, Lilistraße 83D.

Geöffnet: Donnerstag und Freitag 18-21 Uhr. Führung in Anwesenheit der Künstler ist am 14. September um 19 Uhr

Ihre „Märtyrerinnen“ hat Karin Nedela Geschichtsbüchern entnommen. Die Personen, die für ihre auf Barytpapier abgezogenen Fotografien posierten, in zeitgenössische, von der Künstlerin selbst geschneiderte, Kostüme und Kopfputz schlüpften und sich mit teils skurrilen, teils zeitgenössischen Requisiten umgaben, sind jedoch real. Eine effektvolle Reminiszenz an unvergessene und vergessene Heldinnen.

Männer, aufgepasst! Monika Gollas Digitalfotografien setzen lauernde weibliche Erotik in Szene.

Nicht nur räumlich stehen sich die Digitalfotografien von Monika Golla und die Acrlygemälde Anja Hantelmanns gegenüber. Während Golla lauernde weibliche Erotik mit gefalteten Stoffen und daraus hervorlugenden Pistolenmündungen unterkühlt in Szene setzt, skizziert Hantelmanns Malerei in Tryptichon und Einzelwerken den Leidensweg einer Vergewaltigten. Malgrund und Strich korrespondieren mit Gemütszuständen. Das berührt.

Quelle: op-online.de

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