Heilsamer Horror

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Anselm Weber inszeniert eine Flut der Bilder mit Klaus Florian Vogt und Tatiana Pavlovskaya.

Drei Stunden Hochspannung in einem Psychokrimi mit einer Musik, die regelrecht fetzt: Bizarr, schrill, aber äußerst lebendig geht es in Erich Korngolds „Toter Stadt“ zu, deren expressionistische Anmutung Regisseur Anselm Weber zu einem surreal abhebenden Horrorfilm animierte. Von Klaus Ackermann

Um einen Alptraum-artigen Totenkult mit final heilsamer Wirkung. Zur Premiere haben vor allem das von Sebastian Weigle geleitete Opernorchester und die Protagonisten Klaus Florian Vogt und Tatiana Pavlovskaya klanglich heftig Dampf abgelassen. Bei diesem Totentanz um eine verlorene Liebe bedarf es keines Propheten, um einen Repertoire-Renner zu prognostizieren.

Es geht um Paul, der seine verstorbene Frau liebt

Die tote Stadt ist das alte Brügge mit seinen an Venedig gemahnenden Kanälen und den vielen Kirchen, deren Orgel- und Glockenklang in Korngolds 1920 uraufgeführter Oper mitschwingen, die auf dem Roman des belgischen Dichters Georges Rodenbach basiert. Es geht um Paul, der seine verstorbene Frau Marie liebt und die Erinnerung an sie wie besessen wach hält, seelisch zutiefst erschüttert, als er in der leichtlebigen Tänzerin Marietta ihr Ebenbild erkennt.

Schon der Opernvorhang scheint hier einem Grabtuch entlehnt, gibt den Blick auf düsteres Gemäuer frei – Mausoleum und hermetisches Gefängnis gleichermaßen, in dem Paul, der mit der Außenwelt nur per Kamera kommuniziert, seine ewige Liebe in einer Art hölzernem Schrein pflegt, mit Maries Bild auf allen Video-Kanälen, auch in Kostümen und einer Reliquien-Haarlocke präsent (Ausstattung: Katja Haß). Regisseur Weber setzt auf harte Filmschnitte zwischen Wahn-Visionen und dunkler Realität, verkörpert in Paul-Freund Frank des intensiv mahnenden, ausdrucksstarken Baritons Michael Nagy und der Haushälterin Brigitta, von einfachem Gemüt, aber charaktervoll gesungen von der legendären Sopranistin Hedwig Fassbender.

Einprägsames Tänzchen im roten Fummel

Gerade bei den Obsessionen des aus Liebe schizophrenen Pauls entwickelt der Regisseur eine surreale Fantasie. Ideal unterstützt von Bettina Walters Kostümen, die für eine Prozession der gläubig gewordenen Brigitta die Ordensfrauen in weiße Krinolinen steckt. Das kulminiert, wenn Alan Barnes als Gaston ein einprägsames Tänzchen im roten Fummel wagt oder die trinkfreudige Komödiantentruppe mit den stimmlich gewandten Anna Ryberg, Jenny Carlstedt, Julian Prégardien und ihr Mäzen Hans-Jürgen Lazar sowie mit quicklebendigen Skeletten und dem auf straffe Einsätze geeichten Chor Mariettas Auferstehung frei nach Meyerbeers „Robert der Teufel“ feiern. Dann öffnen sich Standgräber wie die Türen eines Adventskalenders, Klerikale, eine Nackte und alte Frauen ausstellend, die den unschlüssig Liebenden bedrängen.

Weitere Aufführungen sind am 26. und 29. November zu sehen.

Harte Kontraste auch in Korngolds Musik, die alles vereint was um 1920 auf dem Markt war: Puccinis unendliches Melos, die Leitmotivik eines Richard Wagner, Richard Straußens chromatische Netzwerke und sogar Debussys Klangchemie. Die Bläser des üppig besetzten Museumsorchesters haben bei Weigles unerbittlichen Tempi Schwerstarbeit zu verrichten, der den expressiv aufgerauten Klang favorisiert, wie er sehnsüchtigen Walzertakt und Sentiment nicht unterschlägt, Hollywood-Vorboten Korngolds, der die Filmmusik reformieren sollte. Hier unterstrichen vom Lied des Pierrot, das Michael Nagy empfindsam, bei mitunter zu stark eingeschliffenen Vokalen singt. Oder Mariettas „Glück, das mir verblieb“, von Tatiana Pavlovskaya wundersam nachhaltig gebracht, die einen stählern harten Sopran einbringt und sich gegen die Orchesterfluten ebenso stark zu wehren weiß wie der malträtierte Paul des begnadeten Tenors Klaus Florian Vogt, den zwar die aufgeklebte Glatze total entstellt, der aber stimmlich im Dauereinsatz alle gefährlichen Höhen meistert und auch darstellerisch für sich einnimmt. „Ein Traum hat mir den Traum zerstört“, sinniert Paul, aus gespenstischen Traumata erlöst. Der orchestrale Nachgesang ist eine einzige Beruhigungsspritze – die tatsächlich wirkt…

Quelle: op-online.de

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